Heymann in Hamburg – Buchhandlung des Monats | BUCHSZENE

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Buchhandlung des Monats – September 2016

2. September 2016 | Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Heymann aus Hamburg

Books are different. Buchhandlungen sind es auch. Sie sollten es zumindest sein. Die Buchhandlungen, die wir Ihnen jetzt ab September 2016 regelmäßig alle vier Wochen als „Buchhandlung des Monats“ vorstellen und empfehlen werden, sind es: Sie bringen auf beeindruckende Weise Bücher und Menschen zusammen. Anders als bei Loriot, wo schon mal „plötzliche Regenfälle zum Betreten einer Buchhandlung zwingen können“. Da stolpert, während heftige Schauer niedergehen, ein derangierter, durchnässter, knollennasiger Zeitgenosse mit halbgeöffnetem Regenschirm durch den Eingang orientierungslos auf ein Regal mit Klassikern zu. Selten wurde das gespaltene Verhältnis des modernen Menschen zu seiner Buchverkaufsstelle ironischer und genauer in Worte und Zeichen gefasst. Wo doch heute in einer Buchhandlung nicht nur wegen eines plötzlich einsetzenden schweren Wetters Schutz gesucht wird.

Die Buchhandlung als geistige Schutzhütte

Für nicht wenige Leser ist, bewusst oder unbewusst, „ihre“ Buchhandlung zu einer Art geistiger Schutzhütte geworden. Nicht im Sinne von „Rückzugsort“, sondern als individuelle Stätte der Begegnung, der unmittelbaren Kommunikation, des Austauschs von Informationen. Ein Ort, an dem sich geistige Freiheit, Weltoffenheit und Toleranz mit buchhändlerischer Kompetenz und Ordnungswillen verbinden. Der in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt Werte wie Überschaubarkeit, Berechenbarkeit, Sicherheit und Vertrauen vermittelt. Kann doch schon das erste Betreten einer Buchhandlung, ob mit oder ohne Regenschirm, der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein, der Freude an Büchern, an Menschen, an der Welt. Wo, wenn nicht hier, kann man sie für sich erklärbar machen? Die Lieblingsbuchhandlung – das ist eine Wundertüte voller Möglichkeiten, ein wichtiger Ort, ein Stück geistiger Heimat. Und wer, wie in diesen Buchhandlungen, ernsthaft, respektvoll und verantwortungsvoll mit dem Medium Buch als geistiger Ware umgeht, für den werden immer Menschen und persönliche Beziehungen, nicht Algorithmen und Datenstrukturen im Mittelpunkt stehen. „Es ist ein Gerücht“, heißt es in „Das Lavendelzimmer“ von Nina George, „dass sich Buchhändler um Bücher kümmern. Sie kümmern sich um Menschen.“ Buchhändler und Buchhandlungen sind gerade heute die Knotenpunkte ganz realer, echter sozialer Netzwerke. Oft sind es inhabergeführte, mittelständische Familienunternehmen, die – ohne dabei ihre Online-Präsenz als zweites Standbein zu leugnen oder gar außer Acht zu lassen – nach dieser Maxime erfolgreich agieren und funktionieren. Auch online.

Im Rahmen unserer neuen Aktion „Buchhandlung des Monats“ werden wir Ihnen nicht nur einige dieser richtungsweisenden Unternehmen vorstellen, sondern die jeweilige Buchhandlung bei allen Buchpräsentationen auf „buchszene.de“ über vier Wochen auch als Online-Shop anbieten. Noch besser, Sie besuchen diese Buchhandlungen einmal vor Ort. Wie die Buchhandlung, mit der wir unsere Aktion heute beginnen wollen.

Heymann in Hamburg

Traditioneller Buchhandel auf der Höhe der Zeit

Die Buchhandlung „Heymann“ ist, wie auch die Stadt Hamburg, mehr als nur eine Reise wert. Heymann betreibt, wie von Hanseaten nicht anders zu erwarten, mit seinen vierzehn Buchhandlungen in der Metropolregion Hamburg traditionellen Buchhandel auf der Höhe der Zeit. Mit Christian Heymann, der zusammen mit seiner Schwester Heike Heymann-Rienau das alteingesessene Familienunternehmen leitet, sprach Jörg Steinleitner.

Herr Heymann, Sie sind einer der wichtigsten Buchhändler in Norddeutschland. Warum sind Sie gerne Buchhändler?

Weil es einfach ein schöner Beruf ist, weil ich Bücher liebe, gerne lese und diese Begeisterung auch gerne weitergebe.

Wie muss eine inhabergeführte Buchhandlung heute agieren, um bei Lesern und am Markt erfolgreich zu sein?

Als Buchhändler tragen wir natürlich Verantwortung für das Buch. Eine geistige Ware, dessen Zukunft eng mit der unsrigen verbunden ist. Schon vor Jahren haben wir uns daher die Frage gestellt: Wie reagieren wir auf einen rasant sich verändernden Buchmarkt, wie auf eine neue Generation von Lesern und Buchkäufern? Unsere Antwort fiel klar aus: Wir müssen uns auf das besinnen, was wir wirklich können. Das ist Bücher verkaufen und aussehen wie eine Buchhandlung, nicht wie ein Gemischtwarenladen. Dazu gehört ein klares Profil – buchhändlerische Kompetenz, kulturelles Engagement, Unverwechselbarkeit. Genau darauf konzentrieren wir uns jetzt.

Wie machen Sie das?

Sie betreten unsere Läden und haben sogleich das Gefühl: Hier bin ich in einer Buchhandlung! Das setzt sich mit unseren Mitarbeitern fort: Sie sind kompetent, sie haben Spaß an der Literatur, am Umgang mit Kunden, am Verkaufen. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist unser kulturelles Engagement, sind Veranstaltungen und Lesungen – von Großveranstaltungen für über 1.000 Menschen bis hin zu kleineren Lesungen und „Live-Events“ vor Ort. Das erschöpft sich nicht ausschließlich im Literarischen, sondern geht vom Livekochen über das Basteln mit Kindern bis zum Häkeln und Stricken mit unseren Kunden. Fast alles, was man machen kann und wozu es Bücher gibt, das machen wir in unseren Buchhandlungen gerne auch live – mit unseren Kunden. Sie sollen wissen, dass sich ein Besuch bei uns immer lohnt. Nach dem Motto: „Ich gehe mal rein zu Heymann, es könnte ja was los sein! Und wenn nicht, bin ich zumindest in einer tollen Buchhandlung gewesen.“ Fundament des Ganzen ist und bleibt natürlich unser buchhändlerisches Sortiment – das Wissen um das, was unsere Kunden gerne lesen und lesen würden.

Sie haben vor kurzem das nach außen getragene Gesamt-Erscheinungsbild Ihrer Buchhandlung, die sogenannte Corporate Identity,kurz „CI“, komplett überarbeitet. Warum?

Wir sprachen ja bereits von „Profil“ und „Unverwechselbarkeit“. Heißt: Wir möchten das, was uns im Kern ausmacht, vielleicht sogar auszeichnet, noch deutlicher und klarer nach außen transportieren, als es bisher geschah. Wir als Buchhandlung wollen, über unser neues Logo hinaus, für unsere Kunden nicht nur erkennbar, sondern vor allem wiedererkennbar sein. Was mit unserer neuen CI auch vorzüglich funktioniert. Von der Homepage über die Verpackungen bis zum firmeneigenen, exklusiven Geschenkpapier, vom Briefbogen bis zum Plakat ist jetzt alles aus einem Guss.

Außerdem spielt die Geschichte Ihrer Buchhandlung nun eine größere Rolle.

Genau. Uns gibt es ja seit 1928 – damals hat mein Großvater mit seinen Lieblingsbüchern eine Buchhandlung eröffnet. Wir führen jetzt auch deshalb „Lieblingsbuchhandlung seit 1928“im Untertitel, weil wir ja tagtäglich mit unseren Lieblingsbüchern umgehen. Genau wie seinerzeit mein Großvater. Diese Geschichte zieht sich durch alle unsere Buchhandlungen.Unsere Mitarbeiter empfehlen und verkaufen nicht nur „Lieblingsbücher“, sie haben auch etwas zu erzählen.

Also bringt eine optische Neuausrichtung auch ein inhaltliche mit sich?

Selbstverständlich. Eine „Corporate Identity“ ist nicht nur nach außen gerichtet, sie muss auch gelebt werden. Hinter unserer neuen Bildmarke steckt auch eine Philosophie. Zwar sieht unser neues Logo aus wie das H aus Heymann, auf zweiten Blick erkennt man aber zwei aufgeschlagene Bücher. Man könnte das als meine Schwester und mich interpretieren, die wir die Buchhandlung gemeinsam führen. Doch der Leitsatz für das Ganze lautet:von der Tradition in die Moderne – ohne uns komplett zu verlieren. Unsere langjährigen Kunden müssen unsja wiedererkennen. Die jüngeren Kunden sagen jetzt: „Hey, die sind ja gar nicht verstaubt. Keine olle Buchhandlung, sondern gut drauf. Da geh ich mal hin, wenn ich an Bücher denke.“Ein Spagat zwischen Althergebrachtem und Neuem, gewiss. Aber einen, den wir nicht bereut haben. Kunden und Leser haben diesen Schritt ausdrücklich begrüßt und gerne mitgemacht.Insgesamt hat das einen wahnsinnigen Ruck durch die ganze Firma gegeben. Das macht Spaß!

Als Familienunternehmen mit 14 Buchhandlungen spielen sie eine große Rolle in der norddeutschen Buchhandelslandschaft. Kann man dennoch sagen: Vor allem in Hamburg schlägt das Heymann-Herz?

Hamburg ist unsere Gründungsstadt. Da hat mein Großvater vor bald 90 Jahren die Buchhandlung gegründet. Klar, dass unser Herz für Hamburg schlägt, für die Metropolregion. Hier sind wir zu Haus. Unseren Kunden ist bewusst, wie sehr wir uns für die Region einsetzen. Nicht nur, weil wir in allen Stadtteilen, in denen wir mit unseren Buchhandlungen vorhanden sind, Lesungen und Veranstaltungen organisieren. Wir unterstützen die Hamburger öffentlichen Bücherhallen als Hauptsponsor, wir unterstützen Mentor, die Leselernhelfer und vieles mehr. Um den vielen Geflüchteten zu helfen, haben wir mit Hamburger Theatern Geld gesammelt. Eigentlich wollten wir tausend Bildwörterbücher spenden – jetzt sind es 5.000 geworden. Die soziale Verpflichtung, die wir haben, nehmen wir auch wahr. Unsere Kunden finden toll, dass wir uns da engagieren.

Sie engagieren sich auch beim Harbourfront Literaturfestival Hamburg.

Das Festival ist super. Von Anbeginn sind wir der Buchhandelspartner des Festivals, organisieren nicht nur mit Büchertischen, wir beraten auch und helfen dabei, attraktive Literaturorte zu finden.Die Autorenlesungen, die  wir in der Zeit des Festivals angeboten bekommen, finden dann unter dem Dach des Harbourfront Literaturfestivals statt.

Und dann gibt es noch Ihr eigenes Krimifestival.

… das wir gemeinsam mit dem Hamburger Abendblatt und dem Literaturhaus zusammen machen. Und die größten Babys sind natürlich unsere eigenen Großveranstaltungen.

Welche Bedeutung hat Heymann für Hamburg?

Wir werden von der Stadt und von unserer Kulturbehörde, von unserem Senat als jemand wahrgenommen, der eine ganze Menge Kultur nach Hamburg bringt.Und für die grundsätzliche  Bücherversorgung Hamburgs tun wir ja auch noch einiges. Wie schon der Isländersagt: „Lieber barfuß als ohne Buch.“

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