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Bücher übers Laufen gibt es viele. Was ist das Besondere an „Du kannst, wenn du willst“, das Sie gemeinsam mit Antje Wensel geschrieben haben? Warum wollten Sie es schreiben?
Ich wollte immer mal ein Buch über eine Heldin schreiben. Klingt ein wenig so, als hätte ich mich in der Wortwahl vergriffen. Dem ist aber nicht so. Antje liefert mit ihrer Lebensgeschichte und ihrer Kampfansage an ihre Krankheit die klassische Comeback Story. Der Underdog, der für seine Ideen und Träume nicht zur Kenntnis genommen … oder sogar belächelt wird, aber am Ende alle überholt. Okay – es waren nicht alle. Aber eine Top-10-Platzierung bei 25 Starterinnen beim Sahara Race ist ein sensationelles Ergebnis. Sie hat ihren Traum wahr gemacht.
Sie selbst waren Alkoholiker, ehe Sie zum erfolgreichsten Wüstenläufer Deutschlands wurden. Was muss in einem Menschen passieren, damit ihm in seinem Leben so eine radikale Wende zu mehr Lebensglück gelingt?
Eine Frage für ein ganzes Buch! Ich war süchtig, stand mit dem Rücken an der Wand bzw. eigentlich kauerte ich schon in der Hocke. Eine Position, aus der man schwer wieder hochkommt. Ich konnte nicht mehr, und um es auf einen Satz zu reduzieren: Ich hatte Angst daran kaputt zu gehen – wie mein Vater.
Also war bei Ihnen die Angst der große Motivator. Das war bei Antje Wensel wohl anders – oder was meinen Sie: Was waren die Hauptgründe, dass Antje Wensel dieser Kraftakt gelungen ist?
Der Hauptgrund liegt ganz einfach darin: Antje wollte es. Nicht einfach so. Sie wollte es aus tiefem Herzen, mit Kraft und viel Freude. Will nicht klingen wie ein Pastor, aber was wir mit viel Freude angehen, wird am Ende gut.
Das Ziel, das Antje Wensel hatte – mit ihrem Handicap das Sahara Race in Namibia zu laufen – war genau genommen verrückt. Aber Sie hat es geschafft. Brauchen wir zur Erlangung von Glück im Leben verrückte Ziele?
Nein! Es gibt viele Möglichkeiten, um glücklich zu werden. Nehmen wir die Liebe zwischen Menschen – egal ob die Liebe von Eltern zu ihren Kindern oder die Liebe der Verliebten. Das macht sehr glücklich. Ich glaube in diesem Sport, den wir hier beschreiben, geht es neben vielen anderen interessanten Themen um die Neugier. Die Rennen sind ja nicht verrückt! Antje war auch nicht verrückt. Ihr Ziel hat sie über zwei Jahre verfolgt und sich immer am aktuellen Status orientiert.
Von dort ging sie immer einen Schritt weiter …
… und dann war der Zeitpunkt gekommen, sich der großen Aufgabe und dem Traum zu stellen. Sie hat es souverän gemeistert. Mutig ist sie ihren Weg gegangen – aber nicht verrückt hineingestolpert. Neugierig zu sein ist eine sehr positive Eigenschaft und sicherlich dafür verantwortlich, dass die Menschen in der Entwicklung heute dort stehen, wo sie stehen. Dass das, was wir am meisten lieben – am Beispiel Neugierde – uns auch eines Tages umbringen wird, liegt im Bereich des Möglichen. Die Menschheit ist ja gerade dicht dran.
Was passiert beim Langstreckenlauf mit einem Menschen?
Wenn die notwendige Stabilität über die Jahre erlaufen ist und das Laufen nicht mehr als Anstrengung empfunden wird, hat man viel Zeit für sich selbst, während man läuft. Der gern beschriebene Flow setzt ein. Die Dinge gehen leicht von der Hand und man kommt ans Denken, Träumen. Die Gedanken nehmen ihren eigenen „Lauf“. Ich kann nur von mir berichten, dass ich manchmal viele Stunden unterwegs bin und danach kaum Erinnerungen an die Zeit oder den Weg habe. Die Gedanken sind leicht, aber auch wenig präsent im Nachhinein. Aber ein gutes Gefühl ist das – ich bin danach immer sehr entspannt und glücklich.
Was sind die besonderen Herausforderungen des Sahara Race in Namibia?
Das Sahara Race taucht regelmäßig in den Top 10 der härtesten Rennen der Welt auf. Es gilt 250 Kilometer zu laufen. Dies mit einem acht bis zehn Kilogramm schweren Rucksack. Die Strecke verläuft fast nur auf Sand. Wir hatten Temperaturen von über 40 Grad und gleichzeitig über Stunden Wind von vorne mit 50 km/h. Das fühlt sich auf Dauer an, als würden Sie versuchen gegen ein heißes Düsentriebwerk anzurennen.
Und was sind die besonderen Glücksmomente?
Für mich: heulend in der Wüste unter dem schönsten Sternenhimmel der Welt zu rennen. Passiert – und zwar nicht wenigen. Überhaupt wird viel geheult – haha – aber vor Glück. Im Ziel liegen sich Menschen in den Armen oder sitzen am Rande allein auf einer Düne. Geheult wird aber über die Entfernung synchron. Alle verbunden durch das große Gefühl ihren Traum, ihr Ziel erreicht zu haben.
Sie schreiben an einer Stelle: „Sie ist sich vollkommen bewusst über die Anstrengungen, die ihr bevorstehen. Sie ist sich vollkommen bewusst, was ihr Handicap betrifft: 95 Kilogramm bei einer Größe von 1,75 Meter.“ Bitte erklären Sie die Hintergründe dieser Zahlen – welches Größe-Gewicht-Verhältnis wäre bei einer Frau noch „normal“ für einen Ultralangstreckenlauf?
Rein sportlich gesehen, sind die leichten Läufer die Erfolgreichen. In der Wüste und im Sand natürlich erst recht. Dies gilt besonders für die Frontläufer. Antje fällt natürlich aus dem Rahmen. Sie hat aber gezeigt, dass es trotzdem möglich ist, mit der ersten Hälfte der Starter ins Ziel zu laufen. Und die 4desert-Serie, zu der dieses Rennen gehört, ist die erfolgreichste Laufserie mit dem größten Starterfeld in der Welt. Also allemal kein Kirmesrennen, wo man automatisch Top 10 wird, weil nur zehn Läufer an der Startlinie standen.
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