
© Nacho Rivera, www.nacho-rivera.com
Dr. Libby, Sie haben ein krankhaftes Phänomen entdeckt – das „Rushing Woman Syndrom“. An welchen Symptomen können Frauen erkennen, dass sie unter diesem Syndrom leiden? Das Rushing Woman Syndrom ist das Ergebnis meiner Beobachtungen der vergangenen 20 Jahre. Mir ist aufgefallen, dass sich die Lebensgewohnheiten der Frauen verändert haben und dadurch auch ihre Gesundheit. Wie zu keiner anderen Zeit jemals zuvor, versuchen heute viele Frauen so schnell wie möglich alles für jeden zu tun. Dadurch – das machen meine Forschungen deutlich – sind die Reproduktionssysteme und Geschlechtshormone vieler Frauen unter Druck geraten. Welche Symptome haben Sie beobachtet? Sowohl psychische als auch physische. Es scheint gleichgültig zu sein, ob eine Rushing Woman zwei oder 200 Dinge am Tag erledigt, wenn sie sich nur in diesem gehetzten Zustand befindet. Sie ist wie aufgezogen und rennt wie ein Hamster im Rad, um ihren täglichen Kampf zu meistern. Sie hat selten das Gefühl zu gewinnen und gibt immer mehr und mehr. Gleichzeitig hat sie das Gefühl, es sei nicht genug. Sie ist überfordert und manchmal fühlt sie, dass sie es nicht schafft. Manchen Frauen gelingt es, dies laut zu äußern – oder aber sie behalten es für sich und fressen es in sich hinein: hinein in ihren Magen, der sich wie zugeschnürt anfühlt. Eine Rushing Woman trinkt viel Kaffee, wenn es ihr schlecht geht; sie glaubt, ihre tägliche Dosis unbedingt bekommen zu müssen. Sie redet sich selbst ein, sie brauche das, um ihr Energielevel zu halten oder um ihr Gehirn in Schwung zu bringen, um fit zu bleiben oder auch für eine bessere Verdauung. Ihre Untersuchungen haben ergeben, dass die gesundheitlichen Probleme einer Rushing Woman noch viel weiter reichen können. Eine Rushing Woman kann auch Probleme mit ihrer Periode haben. Zum Beispiel unregelmäßige oder klumpige Blutungen, PMS, polyzystisches Eierstocksyndrom oder eine ausgedehnte Menopause. Es ist übrigens auch nicht ungewöhnlich, dass sich diese Frauen überfordert fühlen und unter einem schwachen Kurzzeitgedächtnis leiden, um nur ein paar weitere Symptome zu nennen.
Ihr rastloser Einsatz rund um die Uhr, ihr Grundgefühl, dass nie ausreichend Zeit zur Verfügung steht, kombiniert mit einer niemals endenden To-do-Liste, hat einen derart signifikanten Einfluss auf die weibliche Gesundheit, dass ich beschlossen habe ein Buch darüber zu schreiben.Wie konnte es dazu kommen, dass so viele Frauen von dem Rushing Woman Syndrom betroffen sind? Das liegt unter anderem daran, dass es seit einiger Zeit selbstverständlich ist, dass Frauen Arbeiten übernehmen, die früher ihre Väter erledigt haben; gleichzeitig aber haben sie all die traditionellen Aufgaben ihrer Mütter beibehalten. Das hat sich für viele Frauen zu einer extremen Doppelbelastung entwickelt, mit wenigen oder gar keinen Erholungspausen. Ihr rastloser Einsatz rund um die Uhr, ihr Grundgefühl, dass nie ausreichend Zeit zur Verfügung steht, kombiniert mit einer niemals endenden To-do-Liste, hat einen derart signifikanten Einfluss auf die weibliche Gesundheit, dass ich beschlossen habe ein Buch darüber zu schreiben. Wir Frauen können das natürlich alles meistern. Aber mein Wunsch ist es, den Menschen bewusst zu machen, dass wir unseren Körper nie zuvor so herausgefordert haben wie heute. Und das hat gesundheitliche Folgen für einfach zu viele Frauen. Warum leben Frauen so, dass sie in diese gesundheitliche Abwärtsspirale geraten? Die scheinbar unvermeidliche Notwendigkeit in Eile zu leben, kommt von einem eigentlich sehr schönen Wunsch – wir kümmern uns gerne um all die Menschen, die uns umgeben. Aber die tieferen Gründe liegen weiter zurück, verborgen in einer alten Geschichte. In dieser Geschichte, die wir über uns selbst erzählen, heißt es, wir seien nicht gut genug, so wie wir sind. Wir seien nicht groß genug, nicht schlank genug, schön genug, schlau genug, nicht auf der Höhe der Zeit. Weil wir glauben, dass wir so wie wir sind, uns und anderen nicht genügen, verbringen wir viel Lebenszeit damit, andere glücklich zu machen und stellen deren Bedürfnisse über unsere eigenen. Wir hetzen uns ab und tun alles dafür, dass uns die anderen lieben und schätzen, weil wir hoffen, dann nicht abgewiesen, kritisiert, verachtet oder angefeindet, sondern geliebt zu werden. Das Besondere an Ihrem Ansatz ist, dass Sie – wie bereits bei Ihren Bestsellern „Stoffwechsel-Geheimnis“ und „Stoffwechsel-Kick“ – Ihre Theorie nicht nur auf äußerliche Beobachtungen stützen, sondern auch auf medizinische und biochemische Werte. Welche medizinischen Werte können bei Frauen, die das „Rushing Woman Syndrom“ haben, verändert sein – und was lässt sich daraus ganz konkret schließen? Stress wirkt sich direkt auf die Geschlechtshormone aus und kann deshalb zu Gesundheitsproblemen wie dem polyzystischen Eierstock-Syndrom, Unfruchtbarkeit, ausgedehnter Menopause und Wucherungen in der Gebärmutter führen; außerdem zu Erschöpfung, beeinträchtigten Drüsenfunktionen, Reizdarm, Blähbauch und Schilddrüsenunterfunktion. Dies alles lässt sich an der menschlichen Biochemie ablesen. Was wäre die Lösung? Wir sollten unsere Wahrnehmung von Druck und Dringlichkeit reduzieren. Dann können wir unser Hormonniveau auch wieder normalisieren. Zum Beispiel kann chronischer Stress zu einem erhöhten Cortisolspiegel (Stresshormon) und einem Ungleichgewicht bei dem Schilddrüsenhormon T3 führen. Erhöhte Cortisolwerte sind auch ein Signal an unseren Körper, die Progesteronproduktion herunterzufahren. Das bedeutet, wenn der Stress reduziert wird, finden die Geschlechtshormone wieder zu ihrem natürlichen Gleichgewicht. „Sexualhormone können uns mit Energie und Vitalität erfüllen oder uns das Leben zur Hölle machen“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Inwiefern? Östrogen und Progesteron sind zwei Haupthormone der weiblichen Sexualhormone. Ihr Zusammenspiel hat das Potenzial, uns glücklich oder traurig, lebhaft oder ängstlich zu machen; die Haut pickeliger oder klarer aussehen zu lassen oder uns das Gefühl zu geben unsere Kleidung sitze enger oder weiter. All diesen Druck verursachen nur diese beiden Hormone! Progesteron ist das Hormon, von dem wir alle immer gerne einen vollen Tank hätten. In unserem Körper wirkt es wie ein Anti-Depressivum, es hilft gegen Ängste, es entschlackt und es erlaubt uns das eingelagerte Körperfett aus unseren Energiereserven zu verbrennen.

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