
Frau Kubsova, herzlichen Glückwunsch – „Marschlande“ ist nominiert für das Lieblingsbuch der Unabhängigen Buchhandlungen! Was war der Impuls, der Sie dazu brachte, diesen Roman über zwei in völlig unterschiedlichen Epochen lebende Frauen zu schreiben?
Der Impuls war augenblicklich da, als ich auf die ersten Informationen zu dem Leben und dem Schicksal der Marschbäuerin Abelke Bleken gestoßen bin. Ich war berührt, bewegt, schockiert – und ich wollte sofort und dringend über das Leben dieser Frau erzählen.
Sie versetzen uns mit dieser Geschichte in die Mitte des 16. Jahrhunderts. Wer war Abelke Bleken und was für ein Leben führte sie in dieser Zeit?
Über Abelke Bleken ist überliefert, dass sie um das Jahr 1570 in den Hamburger Marschlanden einen großen Bauernhof allein und erfolgreich bewirtschaftet hatte. Damit war sie zu dieser Zeit eine Besonderheit, dadurch fiel sie auf, innerhalb der damaligen Gesellschaft allerdings nicht unbedingt im besten Sinne. Man muss annehmen, dass sie schon früh eine Außenseiterrolle hatte und im Gerede der Leute stand, was ihr später zum Verhängnis wird.
Abelke Bleken ist eine Kämpferin? Für was setzt sie sich ein?
In erster Linie kämpft sie für Ihren Hof, auch dann noch, als der von einer schweren Sturmflut getroffen wird. Von da an beginnt eine Abwärtsspirale, gegen die sie sich lange stemmt. Doch gerade weil Abelke allein ist und alleine kämpft, hat sie es unendlich schwer. Dazu kommt, dass man sie scheitern sehen wollte. Denn es gab Menschen, die ihre eigenen Interessen mit Abelke Blekens wertvollem Grundstück verfolgten. Abelkes Wehrhaftigkeit und Kampfgeist werden dann schließlich durch eine Hexereianklage beendet.
„Marschlande“ hat aber noch eine zweite Zeitebene: Britta Stoever lebt fast fünfhundert Jahre am gleichen Ort später und stößt dort auf Abelke Blekens Geschichte. Was macht das mit ihr?
Britta wird in einer fragilen Phase ihres eigenen Lebens auf das Schicksal von Abelke Bleken aufmerksam und kann sich dem nicht entziehen. Sie beginnt Forschungen anzustellen, sie stößt auf Ungereimtheiten in der Erzählweise über Abelkes Geschichte und versucht zu rekonstruieren, was damals wirklich vorgefallen sein muss. Das macht dann bald auch etwas mit ihrem eigenen Leben.
Was verbindet die beiden Frauen?
Sie sind vor allem durch Strukturen miteinander verbunden, durch die Form unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung: Sowohl der Kapitalismus als auch die Rolle der Frauen wurden zur Lebzeit von Abelke etabliert und hängen eng miteinander zusammen. Ich wollte mit Abelke eine Frau zeigen, die sich am Anfang dieser Prozesse befindet und mit Britta eine Frau dort, wo diese Prozesse aktuell stehen.
Womit hadert Britta Stoever in Ihrem Leben?
Als ob es die Leere und die Kargheit der Marschlande gebraucht hätte, wird Britta dort erst bewusst, wie sehr sie in der Rolle der Mutter und Ehefrau sich selbst, ihre Ziele und Wünsche aus den Augen verloren hat; wie viel sie von sich selbst aufgeben musste um die Erwartungen an sie als Frau zu erfüllen. Die Recherche zu Abelkes Geschichte lässt sie in größeren Zusammenhängen denken, sie erkennt das strukturelle an dem, was sie für ein individuelles Problem gehalten hatte.
Was zeichnet Abelke und Britta aus, was mögen Sie besonders an ihnen?
Sie sind mir beide auf ihre Weise arg an Herz gewachsen. Abelke war sicher eine Frau mit großem Mut und Kampfgeist und der bitter tragische Verlauf ihrer Geschichte lässt wohl niemanden kalt. Bei Britta hat es mir Spaß gemacht, sie mit dem besonderen Talent auszustatten, in Landschaften lesen zu können, durch Raum und Zeit zu sehen. In vielen Dingen ist sie zögerlich, eingeschüchtert, das musste so sein, das steht für etwas. Aber irgendwann nimmt Britta Anlauf und wagt etwas, es war toll, sie schreibend auf diesen neuen Weg zu bugsieren.
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