
Die meisten Eltern wissen nicht, was ihre Sprösslinge im Netz machen
Silke Müllers „Wir verlieren unsere Kinder!“ sollten alle Eltern minderjähriger Kinder gelesen haben. Denn in diesem Buch macht die erfahrene Schulleiterin deutlich, wie wenig wir Erwachsenen über die digitale Welt wissen, in der sich unsere Kinder täglich ganz selbstverständlich bewegen und wie sehr wir mit diesem Nichtwissen und Desinteresse unsere elterliche Fürsorgepflicht verletzen.
Wir machen Vorschriften für Partys, aber nicht für die digitale Welt
Schließlich, so schreibt Silke Müller, würden wir unseren Kindern ja auch beibringen, dass sie nicht ohne zu schauen, über die Straße gehen dürfen, weil das gefährlich ist. Auch würde kaum ein Erwachsener auf die Idee kommen, seinem zwölfjährigen Kind die Autoschlüssel in die Hand zu drücken und zu sagen, es solle einfach mal losfahren. Wenn unser Kind auf eine Party geht, schreiben wir ihm vor, wann es am Abend zurück sein soll und wo die Grenzen – zum Beispiel beim Alkoholgenuss – liegen. Auch vor allen anderen Gefahren der analogen Welt versuchen wir unsere Kinder zu schützen, indem wir sie auf diese hinweisen und ihnen Verhaltensregeln mitgeben, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten können oder sollen.
Wir schützen unsere Kinder nicht vor den Gefahren in den sozialen Medien
Silke Müller fragt zurecht: Warum machen wir das nicht auch, wenn wir unsere Kinder hinaus in die digitale Welt ziehen lassen? Wir drücken ihnen ein Smartphone in die Hand, ohne ihnen zu sagen, was ihnen in den sozialen Medien und beim Gamen Schlimmes widerfahren kann. Und es drohen dort Gefahren, von denen viele von uns nicht die geringste Ahnung haben. Anhand ganz konkreter Fälle aus dem Alltag ihrer Schule macht Silke Müller verständlich, was Kindern in der digitalen Welt alles schon an Schlimmem passiert ist. Einige Beispiele:
Ein zwölfjähriges Mädchen wird Opfer sexualisierter Gewalt
Ein zwölfjähriges Mädchen hat sich in einer Online-Community angemeldet und als Sechzehnjährige ausgegeben. Während des Unterrichts wurde sie erwischt. Silke Müller schreibt: „Sie chattet mit einem erwachsenen Mann, als der Kollege sie dabei entdeckt. Die Sätze, die ich lese, brennen sich in meinem inneren Auge fest. Ein junges Mädchen fordert einen deutlich älteren Mann auf, ihr zu schreiben, wo er sie mit Händen und seiner Zunge berühren soll. Er antwortet und formuliert perverse, pornografische Gedanken. Der Dialog geht hin und her. Das Mädchen, das hier einerseits natürlich Opfer sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige im Netz ist, gleichzeitig aber auch einen aktiven Part übernimmt, bittet den Mann sodann, ihr ein sogenanntes ‚Dickpic‘ zu schicken, das Bild seines eregierten Penis […]. Der Mann kommt dieser Bitte nach, das Foto erscheint.“ Es stellt sich heraus, dass es sich um eine Challenge handelte, bei der es den teilnehmenden Mädchen darum geht, wer als Erstes ein „Dickpic“ erhält.
Achtklässlerinnen kommen mit einem Horrorvideo zur Direktorin
An einem anderen Tag stehen vier Achtklässlerinnen bei der Direktorin und zeigen ihr, was ihnen im Schulbus geairdroppt wurde: „In einer scharfen und ungefilterten Videoaufnahme sieht man, wie ein Mann mit einem Skalpell kastriert wird.“ Auf die Frage, ob die Mädchen so etwas öfter geschickt bekämen, antworten sie der Schulleiterin: „Ja, ständig, Sie wissen ja gar nicht, was so alles verschickt wird.“

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