Es gibt keinen Grund, die Pseudonyme erfolgreicher Schriftsteller nicht zu enthüllen | BUCHSZENE.DE

Der Versuch, die Erfolgsschriftstellerin, die sich hinter dem Namen Elena Ferrante verbirgt, zu enttarnen, geht völlig in Ordnung. Mitnichten werden ihre Persönlichkeitsrechte verletzt. In Wahrheit muss der Fokus der Diskussion auf einen anderen Sachverhalt gerichtet werden. Und hier geht es tatsächlich um Gerechtigkeit und Moralempfinden.

Es gibt keinen Grund, die Pseudonyme erfolgreicher Schriftsteller nicht zu enthüllen

14. Oktober 2016 | Kolumne: Jörg Steinleitner

Von jedem Politiker fordern wir die Kontoauszüge

Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, die Pseudonyme erfolgreicher Schriftsteller nicht zu enthüllen. Von jedem Metzger erwartet unsere aufgeklärte Gesellschaft heute, dass er die Namen der Bauern preisgibt, die ihm das Fleisch liefern. Von jedem Politiker wollen wir am liebsten die Kontoauszüge und die Liste nichtehelich gezeugter Kinder und vergangener Liebschaften einsehen. Warum sollte für Schriftsteller und Künstler etwas anderes gelten?

Wer Erzeugnisse für Menschen erschafft, darf nicht erwarten, dass diesen Menschen egal ist, wer ihr Urheber ist

Insbesondere gilt dies für Erzeugnisse wie Elena Ferrantes Romane, die von Zigtausenden von Menschen gelesen und gemocht werden. Warum sollte sich ein Schriftsteller oder Künstler das Recht herausnehmen dürfen, sich selbst von seinem Erzeugnis abzutrennen? Wo wird hier sein Persönlichkeitsrecht verletzt?

Wer ein Buch schreibt und es in einem großen Verlag, und dazu noch in mehreren Ländern veröffentlicht, nimmt in Kauf, dass sich zumindest einer der vielen Leser irgendwann die Frage erlaubt, wer denn diese tollen Bücher geschrieben hat. Wem diese Frage unangenehm ist, der kann es halten wie die Autorin, die sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt, und alles dafür tun, dass es erhalten bleibt. Oder er muss aufhören, Bücher zu veröffentlichen.

Worüber man aber tatsächlich diskutieren kann und muss

Insofern ist die ganze Aufregung um Elena Ferrante, was die Tatsache der Enthüllung an sich angeht, vollkommen fehl am Platze. Worüber man diskutieren kann, ist die Art und Weise, wie das Pseudonym enthüllt wurde. Ist es gerechtfertigt, eine Schriftstellerin wegen ihres rechtmäßig erworbenen Vermögens an die Öffentlichkeit zu zerren? Nein, vermutlich ist dies nicht der Fall. Es wäre zweifellos schöner gewesen, der Journalist Claudio Gatti wäre dem Pseudonym Elena Ferrante mit den Mitteln der Sprache und Literatur beigekommen.

Im Übrigen unterstelle ich den Kritikern, die die These vertreten, ein Kunstwerk müsse stets isoliert vom Künstler betrachtet und beurteilt werden, dass sie damit nur sicherstellen wollen, sich beim Verreißen desselben keine Gedanken über den Menschen machen zu müssen, der sich hinter dem Kunstwerk verbirgt. Dies wäre allerdings angesichts der persönlichen Verletzungen, die vielen Kritiken innewohnt, mehr als wünschenswert. Es ist nicht das Sprechen über sein Werk, das einem Künstler die Arbeit schwer oder unmöglich machen kann, sondern die Art und Weise wie darüber gesprochen wird.

Und wie sollen wir nun mit Elena Ferrante umgehen?

Wie hat sich die Öffentlichkeit nun, nach der mutmaßlichen Aufdeckung der Autorin, die sich hinter Elena Ferrante verbirgt, zu verhalten? Fest steht: Die Aufdeckung ist keineswegs der Freibrief zu weiteren Enthüllungen. Wenn die Autorin weiterhin schweigt, so gebieten es Gerechtigkeit und Moralempfinden, sie in Ruhe zulassen. Zwar kann ein Künstler nicht verlangen, dass sein Werk von ihm isoliert betrachtet wird, aber er kann erwarten, dass man sein Bedürfnis nach Zurückgezogenheit respektiert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Jörg Steinleitner

1971 im Allgäu geboren, studierte Jörg Steinleitner Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien.


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