Von jedem Politiker fordern wir die Kontoauszüge
Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, die Pseudonyme erfolgreicher Schriftsteller nicht zu enthüllen. Von jedem Metzger erwartet unsere aufgeklärte Gesellschaft heute, dass er die Namen der Bauern preisgibt, die ihm das Fleisch liefern. Von jedem Politiker wollen wir am liebsten die Kontoauszüge und die Liste nichtehelich gezeugter Kinder und vergangener Liebschaften einsehen. Warum sollte für Schriftsteller und Künstler etwas anderes gelten?
Wer Erzeugnisse für Menschen erschafft, darf nicht erwarten, dass diesen Menschen egal ist, wer ihr Urheber ist
Insbesondere gilt dies für Erzeugnisse wie Elena Ferrantes Romane, die von Zigtausenden von Menschen gelesen und gemocht werden. Warum sollte sich ein Schriftsteller oder Künstler das Recht herausnehmen dürfen, sich selbst von seinem Erzeugnis abzutrennen? Wo wird hier sein Persönlichkeitsrecht verletzt?
Wer ein Buch schreibt und es in einem großen Verlag, und dazu noch in mehreren Ländern veröffentlicht, nimmt in Kauf, dass sich zumindest einer der vielen Leser irgendwann die Frage erlaubt, wer denn diese tollen Bücher geschrieben hat. Wem diese Frage unangenehm ist, der kann es halten wie die Autorin, die sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt, und alles dafür tun, dass es erhalten bleibt. Oder er muss aufhören, Bücher zu veröffentlichen.
Worüber man aber tatsächlich diskutieren kann und muss
Insofern ist die ganze Aufregung um Elena Ferrante, was die Tatsache der Enthüllung an sich angeht, vollkommen fehl am Platze. Worüber man diskutieren kann, ist die Art und Weise, wie das Pseudonym enthüllt wurde. Ist es gerechtfertigt, eine Schriftstellerin wegen ihres rechtmäßig erworbenen Vermögens an die Öffentlichkeit zu zerren? Nein, vermutlich ist dies nicht der Fall. Es wäre zweifellos schöner gewesen, der Journalist Claudio Gatti wäre dem Pseudonym Elena Ferrante mit den Mitteln der Sprache und Literatur beigekommen.
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