
Frau Johannson, Ihre neue Saga – deren erster Band „Zwischen den Meeren“ heißt – zeigt vier junge Frauen, deren Schicksale von der Konstruktion der größten künstlichen Wasserstraße der Welt, dem Nord-Ostsee-Kanal, bestimmt werden. Was hat Sie so an dem Thema fasziniert?
Ich habe eine Dokumentation über den Nord-Ostsee-Kanals gesehen. Vorher hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, welche Ingenieursleistung hinter diesem Bauwerk steckt. Schließlich konnte man sich nicht einfach 100 Kilometer quer durch ein Land buddeln, sondern musste Höhenunterschiede, Hindernisse, ganze Ortschaften berücksichtigen. Und dann waren da die Arbeiter. Obwohl bereits beeindruckende Maschinen eingesetzt wurden, musste vieles in Handarbeit erledigt werden. Tausende Menschen haben Schaufel um Schaufel unfassbar große Erdmassen bewegt!
Das war Ihr Impuls?
Dieser Gedanke hat mich so elektrisiert, dass ich tiefer in die Thematik eingetaucht und auf einen Aspekt gestoßen bin, der mich vollends gefesselt hat. Sämtliche Bewohner des Landstrichs zwischen der Elbe im Westen und der Kieler Bucht im Osten waren in irgendeiner Weise von diesem gigantischen Projekt betroffen. Nicht wenige waren gezwungen, ihr Land zu verkaufen, weil es auf der Kanallinie lag. Andere verfielen in Goldgräberstimmung, riskierten viel und verloren alles oder wurden reich. Frauen und Männer aus den verschiedensten Ländern, z.B. aus den Niederlanden, dem heutigen Polen und Italien kamen in den Norden, um ihr Glück bei dieser gigantischen Baustelle zu finden. Mir war klar, dass aus diesem Stoff faszinierende Geschichten entstehen können.
Wie konnten Sie so tief in die Recherche einsteigen? Was hat Ihnen als Material zur Verfügung gestanden?
Zunächst habe ich mich in die Literatur gestürzt, die es haufenweise gibt, und habe alte Bilder angesehen. Dann habe ich mich mit meinem Mann auf die Reise von Kiel nach Brunsbüttel gemacht, immer am Kanal entlang, versteht sich. Und dann hat der Verein Maritimes Viertel – Kultur am Kanal e.V. eine Vortragsreihe zu verschiedenen Aspekten rund um den Nord-Ostsee-Kanal angeboten. Dafür bin ich einige Male nach Kiel gefahren.
Und dort hatten Sie dann eine wichtige Begegnung …
An einem Abend, als es um die Arbeiter ging, hatte ich unfassbares Glück. Merve Giebler, die Urenkelin von Heinrich Hermann Dahlström tauchte auf, dem Mann, der maßgeblich dafür gesorgt hat, dass der Bau realisiert wurde. Sie hatte ein Buch dabei, in dem sie die Tagebuchaufzeichnungen ihrer Großmutter und ihrer Mutter sowie Zeitungsausschnitte und vieles mehr gesammelt und aufbereitet hat. Natürlich musste ich sie ansprechen! Inzwischen habe ich nicht nur ein eigenes Exemplar dieser wunderbaren Sammlung, sondern ich durfte auch einen Wäschekorb voll Material – von Fotos bis Landkarten – sichten, Dinge, die Frauen der Familie aufbewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben haben. Ein echter Schatz!
Liegt Ihnen eine der vier Frauen, die wir in „Zwischen den Meeren“ kennenlernen, besonders am Herzen?
Zuerst muss ich natürlich Maria, genannt Mimi, Dahlström nennen, die Tochter von Heinrich Hermann. Wenn es nach Seitenzahlen geht, spielt sie die kleinste Rolle. Da sie die einzige der vier Frauen ist, die wirklich gelebt hat, kann ich ihr nichts andichten, sondern muss sie nehmen, wie sie war. Dafür habe ich aber eben auch ein genaues Bild von ihr, inklusive wunderbarer Fotos. In dem Material, das Merve Giebler mir zur Verfügung gestellt hat, waren auch kleine Erzählungen von Mimi, die zwar für meinen Roman keine Bedeutung haben. Aber spätestens damit hatte sie mein Herz erobert.
Und die drei fiktiven Figuren?
Die mag ich jede auf ihre Art. Justine Thams, Tochter eines Kolonialwarenhändlers, Regina Barz, deren Vater Güter in der Gegend um Rendsburg besitzt, und Sanne Schmidt, deren Ururgroßvater am Schleusenbau des Eiderkanals beteiligt war. Justine hängt am alten Puppentheater ihres Großvaters. Sie würde sich gern kreativ oder künstlerisch verwirklichen, muss aber ihrem Vater im Laden helfen, der zum größten Eisenwarenhandel Schleswig-Holsteins ausgebaut werden soll. Sie ist fleißig und vernünftig, gibt ihre Träume aber nicht auf.
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