
Frau Hennig, Sie haben schon viele erfolgreiche Romane geschrieben. Aber wenn wir uns nicht irren, ist „Das letzte Kind hat Fell“ Ihr erster mit tierischer Hauptfigur?
Reiner Zufall. Freunde sprachen von ihrem letzten Kind, das Fell hat. Sofort hatte ich den Buchtitel im Kopf. Er hat mich letztlich dazu gebracht, einen Hund als Katalysator und Lehrmeister ins Rennen zu schicken, um zu zeigen, wie ein Vierbeiner das Leben verändern und beleben kann – und was man alles von ihm lernt. Wir hatten selbst einen Hund; insofern konnte ich dabei aus dem Vollen schöpfen.
Was macht das Leben mit Tieren einzigartig?
Bedingungslose Liebe, akzeptiert zu werden, wie man ist, und die Fähigkeit, im Moment nach Glück zu suchen. Ganz praktische Dinge kommen insbesondere bei Hunden hinzu: Sie sind treue Seelentröster, die besten Freunde und Fitnesstrainer zugleich.
Im „menschlichen“ Mittelpunkt der Geschichte stehen Angelika und Hans, die in der Rente von Deutschland ins sonnige Portugal ausgewandert sind. Wie kommen die beiden auf den Hund – schließlich kann Hans Hunde nicht ausstehen?
Die Mischlingshündin läuft ihnen während eines Ausflugs in der neuen Wahlheimat zu und schließt sofort Freundschaft mit Angelika, die dennoch zunächst versucht, den Halter ausfindig zu machen – doch zu Angelikas Freude lässt sich niemand finden. Kurzerhand nennt Angelika sie „Fellina“. Hans muss also in den sauren Apfel beißen und zu seinem Leidwesen künftig sogar das Bett mit ihr teilen.
Es stellt sich heraus, dass die Hündin eine Mischung aus Schäferhund und Pitbull ist. Und dass sie im bislang wohlgeordneten Leben von Angelika und Hans allerlei durcheinanderwirbelt …
Fellina bringt nicht nur Hans auf Trab. Der Buchvertreter im Ruhestand verbringt die meiste Zeit mit Lesen, nervt Angelika mit eingebildeten Krankheiten und ist ein rechter Angsthase. Die Hündin kommt sozusagen zur rechten Zeit. Sie bringt Bewegung in die gesamte Familiendynamik, denn Angelika erhält zu ihrem 70. Geburtstag Besuch von ihrer Tochter Sandra und ihrem Enkel Finn. Beide haben viel Kummer und Selbstzweifel im Gepäck, doch so ein Hund eröffnet ungeahnte Möglichkeiten …
Liebevoll beschreiben Sie die Herausforderungen, aber auch die schönen Seiten eines reiferen Alters. Was macht das Älterwerden für Sie aus?
Die Herausforderung besteht meiner Ansicht nach darin, sich trotz aller möglichen „Begleiterscheinungen“, die mit den Jahren einhergehen, mental und körperlich fit zu halten, eine gewisse Unbeschwertheit nicht zu verlieren und vor allem nach vorn zu schauen, sich Ziele zu setzen. Dann ergeben sich die schönen Seiten meist ganz von allein, zumal man aufgrund des Erfahrungsschatzes aus dem eigenen Leben mit Problemen besser fertig wird und sich auf das konzentriert, was einem wirklich wertvoll erscheint. Mehr Gelassenheit, sich so zu geben, wie man ist. Kurzum: Älterwerden ist ein Prozess, den das Modewort „Active Aging“ sehr gut zusammenfasst. Just diesem Thema möchte ich mich im nächsten Roman annehmen.
Neben Hans und Angelika schicken Sie auch noch deren Tochter Sandra und Enkelsohn Finn ins Rennen. Sandra ist LKW-Fahrerin. Doch das war sie nicht immer?
Sandra und Finn haben nicht das große Los gezogen. Sandra wurde von ihrem Ex-Mann, Finns Vater, über den Tisch gezogen: Er ließ sie als Geschäftsführerin agieren, obwohl die Firma bereits pleite war, und schließlich mit Schulden sitzen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als Brummi zu fahren – letztlich fährt sie jedoch vor ihrer eigenen Vergangenheit davon und lässt Gefühle nur noch in kleinen Dosen zu. Das Thema Männer ist für sie erledigt.
Nicht so für Finn.
Er steht auf Männer und ist eine Berliner Clubmaus, merkt jedoch langsam, aber sicher, dass die Leere nach seinen App-Dates immer schmerzhafter spürbar wird. Sich zu verlieben geht schnell, doch Liebe jenseits der Szene-Klischees will gelernt und vor allem erst einmal entdeckt sein …
Jetzt sitzen an der Algarve drei Generationen unter einem Dach. Bedeutet das: Harmonie pur?
Angelika hat sich ihren 70. Geburtstag anders vorgestellt; dass es nicht ganz nach Plan läuft, liegt jedoch nicht nur an Fellina. Enkel Finn hat sein Studium zugunsten eines Lotterlebens geschmissen, weil er keine lohnenden Lebensperspektiven in Fleiß und harter Arbeit sieht. Tochter Sandra kann nicht ewig Brummis quer durch Europa fahren. Das Verhältnis von Mutter und Tochter ist zudem von Vergangenem belastet. Und Finns Begegnung mit Lino, dem Sohn des Nachbarn, wirbelt nicht nur sein Leben durcheinander. Alles gerät auf einmal in Bewegung – auch Angelikas Ehe, die dringend eine Belebung nötig hat …
Als wäre dies nicht schon genug, ist der Nachbar ein ausgemachter Katzenliebhaber …
Hund und Katz – zwei Welten. Da Katzen sehr reinlich sind, wird das Nachbargrundstück – Angelikas und Hans’ Heim – kurzerhand zur Toilette. Nicht die besten Voraussetzungen für ein harmonisches Miteinander, zumal nun auch noch ein Hund für Ordnung auf dem „Katzenklo“ sorgt. Dem Nachbarn ist zudem ein Dorn im Auge, dass Finn und sein Sohn sich anfreunden; doch die Ereignisse zwingen ihn schließlich dazu, sich auch seiner Vergangenheit zu stellen, die ihn zu dem Griesgram gemacht hat, der er ist.
Finn findet den Nachbarssohn Lino unglaublich attraktiv und begleitet ihn sogar zum Fußball. Verraten Sie noch mehr?
Hier treffen zwei Welten aufeinander: Der Dating-Addict Finn aus Berlin begegnet einem gleichaltrigen Portugiesen, der sich nicht einmal traut, offen schwul zu leben – vor allem, um seinen Vater nicht zu enttäuschen. Schließlich soll aus ihm ein Fußballstar werden. Für Finn ist das ein ordentlicher Schüttler; alles ist auf einmal ganz anders, als er es bisher gewohnt war. Lebenswerte und Lebensperspektiven werden infrage gestellt, und auch Lino muss sich entscheiden, wohin die Reise in seinem Leben gehen soll …
Und Finns Mutter Sandra trifft in der Hundeschule auf den charismatischen Hundetrainer Alexander. Ist „Das letzte Kind hat Fell“ auch eine Lovestory?
Alexander hält Hunde für die besseren Menschen. Zu oft hat er Enttäuschungen wegstecken müssen, und der Tod seiner Frau, an dem er sich die Schuld gibt, steckt ihm noch in den Knochen. Sandra hilft ihm bei einer Autopanne. Von Funkensprühen kann zunächst keine Rede sein, doch wenn zwei gebrochene Herzen aufeinandertreffen, finden herausgebrochene Stücke manchmal wieder das Teil, das ihnen fehlt. Gerade Sandras pragmatische Art, Probleme anzupacken, bringt ihn wieder dazu, sich zu öffnen. Rechnet man Finn und Lino dazu – ja, dann haben wir sogar zwei Lovestorys, gespickt mit Hindernissen, wie es sich für einen guten Roman gehört – mit Herz und Humor, versteht sich.
Wie alle Ihre Romane, lebt auch „Das letzte Kind hat Fell“ von den Schauplätzen, an denen sich die Geschichte entspinnt. Was bedeuten Ihnen Portugal und die Algarve?
Portugal und die Algarve haben für mich etwas Magisches, Sonnendurchflutetes, das perfekt zu meinen Geschichten passt: weite Küsten, lebendige Farben, das Meer und eine Kultur, die ein Wechselbad der Gefühle – sprich die Stimmung der Figuren – schön widerspiegelt. Diese Mischung aus Ruhe, Lebensfreude und kleinen Überraschungen im Alltag schien mir sozusagen die idealen Voraussetzungen für den Roman zu sein.
Wären Sie einverstanden, wenn wir sagen würden, Ihr Roman handelt auch davon, was im Leben wirklich zählt?
Absolut. Und was wirklich zählt, hält uns Fellina vor Augen: Lebensglück ergibt sich meiner Erfahrung nach aus der Reduktion, aus dem Freimachen von Vergangenem, von vielen materiell definierten Glücksformeln, die sich oft als Ballast entpuppen. Die Fähigkeit zu lieben und Liebe anzunehmen. Sich auf jeden schönen Moment einzulassen, den Mut zu haben, unbeschwert durch neue Türen zu gehen, so zu sein, wie man ist, ohne sich zu verbiegen. Ein Hund macht letztlich nichts anderes – und er hat Freude an den kleinen Dingen des Lebens, für die er dankbar ist. Vor allem letzteres ist eine Quelle puren Glücks.

















