„Unter Tränen gelacht – Mein Vater, die Demenz und ich ” – Bettina Tietjen im interview

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„Unter Tränen gelacht – Mein Vater, die Demenz und ich ” – Bettina Tietjen im interview

29. September 2015 | Interview: Bernhard Berkmann | Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten


Bettina Tietjen kennt jeder als Moderatorin des ndr Fernsehens. In ihrem ersten Hörbuch erzählt sie von den intensiven letzten Jahren mit ihrem dementen Vater.

Interview: Bernhard Berkmann

Frau Tietjen, Sie haben ein berührendes, aber auch amüsantes Hörbuch über das Leben mit Ihrem Vater veröffentlicht. Er war einst ein begeisterter Architekt, verlor jedoch als Demenzkranker Schritt für Schritt die Kontrolle über sein Leben. Was hat Sie veranlasst, etwas derart Intimes öffentlich zu machen?

Während der Zeit, in der mein Vater im Demenzbereich eines Seniorenheims gelebt hat, ist mir klar geworden, dass diese Welt für die meisten Menschen so fremd ist wie ein anderer Planet. Ich wollte zeigen, was es eigentlich bedeutet, mit Demenz zu leben. Und ich wollte den Betroffenen ein bisschen Angst nehmen und zeigen: Seht her, mir ist es am Anfang genauso gegangen, aber dann habe ich einen Weg gefunden, damit umzugehen.

„Ich weiß auch nicht, warum ich mich manchmal so wohlfühle im Kreis dieser verwirrten Senioren“, sagen Sie an einer Stelle. Wenn Sie mutmaßen – was könnte Ihr Wohlgefühl im Kreis verwirrter Senioren ausgelöst haben?

Schwer zu sagen. Diese Menschen haben oft eine kindliche Unbeschwertheit. Ich bin auch oft in den Arm genommen worden. Gefühle werden sehr offen gezeigt, wenn der Verstand sich verabschiedet hat. Konventionen gibt‘s nicht mehr. Das ist manchmal ein wohltuender Ausgleich zu allem, was man sonst so erlebt.

Sie nehmen auch Bezug auf die Situation in deutschen Pflegeheimen. Entgegen dem, was man häufig hört, schreiben Sie sehr positiv darüber.

Natürlich gibt es Missstände. Aber es ist ganz und gar nicht so, dass die Mehrheit der dementen alten Menschen in den Heimen wundgelegen und ans Bett gefesselt jämmerlich zugrunde geht. Es gibt viele gute Heime in Deutschland.

Was können wir tun, um die Situation alter Menschen zu verbessern?

Das Schlimmste am Alter ist die Vereinsamung. Was spricht dagegen, sich ein paar Stunden in der Woche ehrenamtlich zu engagieren? Mal auf einen Kaffee bei der Nachbarin vorbeischauen, mal einen Spaziergang mit dem Opa von gegenüber machen. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass Seniorenheime nicht zu geschlossenen Anstalten werden. Und wir müssen über neue Formen des Zusammenlebens nachdenken. Außerdem müssen Seniorenheime für jeden bezahlbar sein. Und mehr qualifiziertes Personal muss her.

Welches ist Ihr wichtigster Rat für Menschen, die in eine ähnliche Situation wie Sie geraten?

Man muss den Menschen so nehmen, wie er ist und den Weg in die Demenz mitgehen, so gut man kann. Sie schreiben, dass es in vielen Altenheimen Indoor-Bushaltestellen gibt, an denen nie ein Bus hält. Ist das wirklich wahr? Ja, das gehört zur Demenz-Therapie. Die alten Menschen haben offenbar das Gefühl, dort sinnvoll die Zeit zu verbrin-gen – mit einem Ziel vor Augen. Dass der Bus nie kommt, merken sie gar nicht. Aber ich bin keine Expertin, dafür gibt es bestimmt noch differenziertere Erklärungen.

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