Frau Hofstede, Sie sind eine gefeierte Romanautorin. Warum haben Sie ein Sachbuch über das Schlafen geschrieben?
Wenn ich ein Problem habe oder mich etwas gedanklich stark beschäftigt, habe ich immer Lust, etwas darüber zu lesen: damit ich es verstehe und auch, damit ich mich weniger allein damit fühle. Ich habe etwa zehn Jahre lang mit Schlaflosigkeit gekämpft. In dieser Zeit ist in mir das Bedürfnis entstanden, darüber zu lesen. Allerdings fand ich außer einiger schöner Gedichte nicht das richtige Buch. Mit „Einschlafen“ habe ich im Grunde das Buch geschrieben, das ich selbst als Schlaflose gerne gelesen hätte.
Es gibt ja viele Bücher über das Schlafen, aber Ihres ist ein besonderes, richtig?
Die meisten Bücher über Schlaf konzentrieren sich vor allem auf das Gehirn. Sie zeigen, was schief läuft im Gehirn, und wie schlimm es ist, wenn wir zu wenig schlafen. Und sie wiederholen einige Tipps, die man, wenn man schon lange nicht schlafen kann, wahrscheinlich schon ausprobiert hat: zum Beispiel weniger Kaffee trinken, keine Bildschirme direkt vor dem Schlafengehen, tagsüber ein bisschen mehr Sport machen … Ich hatte all diese Tipps auch schon ausprobiert, aber es hat nichts geholfen. Zu lesen, wie schlimm meine Schlaflosigkeit war und wie sehr das die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass ich Krebs bekommen würde, war auch nicht gerade beruhigend und hilfreich.
Und Ihr Gehirn ändern konnten sie ja auch nicht …
Genau. Ich fragte mich also: Was machen, wenn mir ein geänderter Lebensstil nicht ausreichend hilft? Was bleibt da noch für Hoffnung? Ich hatte das starke Bedürfnis nach einem weiteren, breiteren Blick auf den Schlaf. In meinem Buch versuche ich also, etwas zu hinzuzufügen zu der üblichen Geschichte vom Schlaf, und einen breiteren Kontext an Themen zu beleuchten, die auch ganz wichtig für unseren Schlaf sind. Wir sind ja keine isolierten Gehirne – wir leben in einer komplexen Welt mit vielen anderen Menschen zusammen. Gefühle von Einsamkeit zum Beispiel beeinflussen sehr stark unsere Nächte. Ebenso wie finanzielle Probleme, eine Arbeit, die permanenten Zeitdruck mit sich bringt oder ein Alltag, in dem wir ständig in unserem Handy verschwinden und eigentlich nie richtig vor Ort sind. Wenn man sich diese Sachen vergegenwärtigt, wird das Problem der Schlaflosigkeit zwar komplexer, aber man gewinnt auch eine Möglichkeit, etwas zu ändern. Wie gesagt: Unser Gehirn können wir nicht ändern, da sind wir hilflos; aber wenn wir das Problem breiter betrachten, dann lässt sich da schon etwas machen.
Was ist für Sie das Schlimmste am Nicht-Schlafen-Können?
Die Hilflosigkeit: Man kann sich nicht zum Schlafen zwingen. Je mehr man sich zu schlafen bemüht, desto weniger gelingt es einem. Und man fühlt sich nachts allein.
Hat das Nicht-Schlafen auch etwas Gutes an sich?
Ja! In meinem Buch erkläre ich, wie besonders Schlaflose sind, wie sie sich von den meisten anderen Menschen unterscheiden. Sie sind überdurchschnittlich aufmerksam, aktiv und wachsam: Alles, was man so im Körper und im Gehirn messen kann – den Herzschlag, den Cortisol-Pegel, die Körpertemperatur, die Gehirnaktivität und so weiter, ist bei ihnen ziemlich hoch. Und zwar sowohl nachts, als auch tagsüber. Wegen dieser Wachsamkeit ist der chronisch schlaflose Mensch tagsüber, trotz mangelnden Schlafs, eigentlich immer noch sehr aufmerksam und funktioniert erstaunlich gut. Man sieht oft Forschungen die behaupten, Schlafmangel sei katastrophal für die Leistungen tagsüber, aber diese Studien macht man fast immer mit Menschen, die normalerweise gut schlafen können, und nur für die Forschung wach gehalten werden. Macht man die gleichen Versuche mit echten Schlaflosen, sind die Ergebnisse ganz anders. Und wenn es einem gelingt, Schlaflose besser schlafen zu lassen, so werden ihre geistigen Leistungen überdurchschnittlich. Die andere, die gute Seite der Medaille der Schlaflosigkeit, ist also oft ein scharfer, aufmerksamer Geist.
Wie hängen Nicht-Schlafen, Angst und Depression zusammen?
Eines der überraschenden Ergebnisse meiner Suche nach dem Schlaf, war der enge Zusammenhang zwischen Angst, Depression und Schlaflosigkeit. Üblicherweise wird behauptet, Schlaflosigkeit verursache Stimmungsschwankungen. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Genetisch, aber auch in ihrer Wirkung auf das Gehirn, sind Schlaflosigkeit und Depression so ähnlich, dass Schlafwissenschaftler jetzt vermuten, dass Nicht-Schlafen, Angst und Depression drei Ausdrucksformen eines einzigen Problems sind: Nicht schlafen zu können, hat genau genommen ganz wenig zu tun mit dem Schlaf. Die physischen Strukturen und Systeme, die unseren Schlaf organisieren, und die Gene, die mit dem Schlaf zusammenhängen, haben eigentlich nichts mit der Schlaflosigkeit zu tun. Nicht schlafen hat aber ganz viel zu tun mit Stimmung, mit Angst und Depression. Und wir wissen auch, dass die Umgebung die Stimmung ganz stark prägt; und damit auch den Schlaf. Wenn man das weiß, kann man Schlaflosigkeit erfolgversprechender angehen als mit neuen, blickdichten Vorhängen und Melatonin-Tabletten.
Sie haben viele Jahre lang wirklich alles ausprobiert, um zu Schlaf zu finden – bitte erzählen Sie ein wenig, was Sie alles unternommen haben.
Kein Kaffee oder Schokolade, kein Alkohol. Ich habe versucht, einen gleichbleibenden Rhythmus beizubehalten, nicht zu spät Kaffee zu trinken, jeden Tag Sport zu machen, abends nahm ich ein heißes Bad, um die Körpertemperatur zu senken, nachts trug ich Ohrstöpsel und Augenmaske. Ich nahm Schlaftabletten, rauchte Gras, machte eine kognitive Verhaltenstherapie und achtete auf gesundes Essen …
Und was war das Ergebnis von all den Anstrengungen?
Die Schlaflosigkeit wurde zu einer anstrengenden Beschäftigung. Eigentlich war mein ursprüngliches Problem – nicht schlafen zu können – nur noch größer geworden, es nahm jetzt plötzlich meinen ganzen Tag ein. Und ich konnte immer noch nicht schlafen. So zu leben machte sehr wenig Spaß! Gesundheit · Happy Life · Interviews · Rezensionen
Bregje Hofstedes Buch „Einschlafen“ ist ein besonderes Buch über Schlafprobleme
Sie war selbst eine Schlaflose und begab sich deshalb auf Ursachensuche. Im Interview über ihr Buch „Einschlafen“ verrät Bregje Hofstede, was sie herausfand.
Frau Hofstede, Sie sind eine gefeierte Romanautorin. Warum haben Sie ein Sachbuch über das Schlafen geschrieben?
Wenn ich ein Problem habe oder mich etwas gedanklich stark beschäftigt, habe ich immer Lust, etwas darüber zu lesen: damit ich es verstehe und auch, damit ich mich weniger allein damit fühle. Ich habe etwa zehn Jahre lang mit Schlaflosigkeit gekämpft. In dieser Zeit ist in mir das Bedürfnis entstanden, darüber zu lesen. Allerdings fand ich außer einiger schöner Gedichte nicht das richtige Buch. Mit „Einschlafen“ habe ich im Grunde das Buch geschrieben, das ich selbst als Schlaflose gerne gelesen hätte.
Es gibt ja viele Bücher über das Schlafen, aber Ihres ist ein besonderes, richtig?
Die meisten Bücher über Schlaf konzentrieren sich vor allem auf das Gehirn. Sie zeigen, was schief läuft im Gehirn, und wie schlimm es ist, wenn wir zu wenig schlafen. Und sie wiederholen einige Tipps, die man, wenn man schon lange nicht schlafen kann, wahrscheinlich schon ausprobiert hat: zum Beispiel weniger Kaffee trinken, keine Bildschirme direkt vor dem Schlafengehen, tagsüber ein bisschen mehr Sport machen … Ich hatte all diese Tipps auch schon ausprobiert, aber es hat nichts geholfen. Zu lesen, wie schlimm meine Schlaflosigkeit war und wie sehr das die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass ich Krebs bekommen würde, war auch nicht gerade beruhigend und hilfreich.
Und Ihr Gehirn ändern konnten sie ja auch nicht …
Genau. Ich fragte mich also: Was machen, wenn mir ein geänderter Lebensstil nicht ausreichend hilft? Was bleibt da noch für Hoffnung? Ich hatte das starke Bedürfnis nach einem weiteren, breiteren Blick auf den Schlaf. In meinem Buch versuche ich also, etwas zu hinzuzufügen zu der üblichen Geschichte vom Schlaf, und einen breiteren Kontext an Themen zu beleuchten, die auch ganz wichtig für unseren Schlaf sind. Wir sind ja keine isolierten Gehirne – wir leben in einer komplexen Welt mit vielen anderen Menschen zusammen. Gefühle von Einsamkeit zum Beispiel beeinflussen sehr stark unsere Nächte. Ebenso wie finanzielle Probleme, eine Arbeit, die permanenten Zeitdruck mit sich bringt oder ein Alltag, in dem wir ständig in unserem Handy verschwinden und eigentlich nie richtig vor Ort sind. Wenn man sich diese Sachen vergegenwärtigt, wird das Problem der Schlaflosigkeit zwar komplexer, aber man gewinnt auch eine Möglichkeit, etwas zu ändern. Wie gesagt: Unser Gehirn können wir nicht ändern, da sind wir hilflos; aber wenn wir das Problem breiter betrachten, dann lässt sich da schon etwas machen.
Was ist für Sie das Schlimmste am Nicht-Schlafen-Können?
Die Hilflosigkeit: Man kann sich nicht zum Schlafen zwingen. Je mehr man sich zu schlafen bemüht, desto weniger gelingt es einem. Und man fühlt sich nachts allein.
Hat das Nicht-Schlafen auch etwas Gutes an sich?
Ja! In meinem Buch erkläre ich, wie besonders Schlaflose sind, wie sie sich von den meisten anderen Menschen unterscheiden. Sie sind überdurchschnittlich aufmerksam, aktiv und wachsam: Alles, was man so im Körper und im Gehirn messen kann – den Herzschlag, den Cortisol-Pegel, die Körpertemperatur, die Gehirnaktivität und so weiter, ist bei ihnen ziemlich hoch. Und zwar sowohl nachts, als auch tagsüber. Wegen dieser Wachsamkeit ist der chronisch schlaflose Mensch tagsüber, trotz mangelnden Schlafs, eigentlich immer noch sehr aufmerksam und funktioniert erstaunlich gut. Man sieht oft Forschungen die behaupten, Schlafmangel sei katastrophal für die Leistungen tagsüber, aber diese Studien macht man fast immer mit Menschen, die normalerweise gut schlafen können, und nur für die Forschung wach gehalten werden. Macht man die gleichen Versuche mit echten Schlaflosen, sind die Ergebnisse ganz anders. Und wenn es einem gelingt, Schlaflose besser schlafen zu lassen, so werden ihre geistigen Leistungen überdurchschnittlich. Die andere, die gute Seite der Medaille der Schlaflosigkeit, ist also oft ein scharfer, aufmerksamer Geist.
Wie hängen Nicht-Schlafen, Angst und Depression zusammen?
Eines der überraschenden Ergebnisse meiner Suche nach dem Schlaf, war der enge Zusammenhang zwischen Angst, Depression und Schlaflosigkeit. Üblicherweise wird behauptet, Schlaflosigkeit verursache Stimmungsschwankungen. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Genetisch, aber auch in ihrer Wirkung auf das Gehirn, sind Schlaflosigkeit und Depression so ähnlich, dass Schlafwissenschaftler jetzt vermuten, dass Nicht-Schlafen, Angst und Depression drei Ausdrucksformen eines einzigen Problems sind: Nicht schlafen zu können, hat genau genommen ganz wenig zu tun mit dem Schlaf. Die physischen Strukturen und Systeme, die unseren Schlaf organisieren, und die Gene, die mit dem Schlaf zusammenhängen, haben eigentlich nichts mit der Schlaflosigkeit zu tun. Nicht schlafen hat aber ganz viel zu tun mit Stimmung, mit Angst und Depression. Und wir wissen auch, dass die Umgebung die Stimmung ganz stark prägt; und damit auch den Schlaf. Wenn man das weiß, kann man Schlaflosigkeit erfolgversprechender angehen als mit neuen, blickdichten Vorhängen und Melatonin-Tabletten.
Sie haben viele Jahre lang wirklich alles ausprobiert, um zu Schlaf zu finden – bitte erzählen Sie ein wenig, was Sie alles unternommen haben.
Kein Kaffee oder Schokolade, kein Alkohol. Ich habe versucht, einen gleichbleibenden Rhythmus beizubehalten, nicht zu spät Kaffee zu trinken, jeden Tag Sport zu machen, abends nahm ich ein heißes Bad, um die Körpertemperatur zu senken, nachts trug ich Ohrstöpsel und Augenmaske. Ich nahm Schlaftabletten, rauchte Gras, machte eine kognitive Verhaltenstherapie und achtete auf gesundes Essen …
Und was war das Ergebnis von all den Anstrengungen?
Die Schlaflosigkeit wurde zu einer anstrengenden Beschäftigung. Eigentlich war mein ursprüngliches Problem – nicht schlafen zu können – nur noch größer geworden, es nahm jetzt plötzlich meinen ganzen Tag ein. Und ich konnte immer noch nicht schlafen. So zu leben machte sehr wenig Spaß! Chat
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