
Das kann’s doch jetzt net schon g‘wesen sein, oder?
„Im Flachgau wartet der Tod“ ist da. Band 2 mit einem weiteren Kriminalfall im kleinen fiktiven Ort Koppelried nahe Salzburg. Dabei war ich mir ganz und gar nicht sicher, dass es überhaupt dazu kommen würde. Denn mein Debütkrimi „Bierbrauerblues“ erschien im Verlag Emons im September 2020. Als völlig unbedarfte, blauäugige Neo-Autorin mit Hang zum Salzburger Land war ich voll freudiger Erwartung, was denn nun alles kommen würde. Die Krimiwelt hat lang genug auf mich gewartet, dachte ich etwas unbescheiden und feilte schon an Ideen für etliche weitere mörderische Geschichten aus dem beschaulichen Koppelried.
Aber weit gefehlt: alles, was mich wie Millionen andere auch erwartete, war eine Pandemie. Lockdowns, geschlossene Buchhandlungen & tote Hose. Niemand, aber auch wirklich niemand hatte auf mich als siebenhundertfünfundachtzigtausendste Krimiautorin gewartet. Schon gar nicht während Corona. Ernüchterung machte sich in mir breit und bewegte sich gefährlich in Richtung Resignation.
„Was a echte Rieglerin ist, die lasst sich net unterkriagn!“
Doch Halt! Hatte nicht ich selbst Erni Riegler geschaffen? Meine Lieblingsfigur – ihres Zeichens die aufs Abstellgleis verfrachtete ehemalige Wirtin des Rieglerbräu. Die gute Frau hat mir eigentlich schon in meinem ersten Krimi gezeigt, dass man sich von nichts und niemandem aufhalten lassen soll.
Im Prinzip hatte ich zwei Möglichkeiten:
- Mein Umfeld ab sofort mit der tragischen Geschichte meiner durch die Pandemie torpedierten Autorenlaufbahn in den Wahnsinn treiben oder
- schlicht und einfach aufstehen, Krönchen richten und weitermachen.
Nach einem kurzen Moment der Versuchung (weil jemanden in den Wahnsinn zu treiben kann ja auch recht unterhaltsam sein) habe ich mich dann doch für Option 2 entschieden.
„Du ju schpeak Tschörrrmen?“
Wie sollte es also weitergehen mit den Koppelriedern? Mit einem Mal tauchten einige der Protagonisten aus meinem ersten Krimi wieder in meinem Kopf auf. Grad zur rechten Zeit: in einem trüben Herbst mit dem Himmel voller … Lockdowns. Vor allem einer machte sich bemerkbar, der brummige Chefinspektor Buchinger aus Salzburg. Etwas zu viel Speck auf den Rippen, fleischige Lippen, Jeans Marke C&A und Exkollege meines eigentlichen Helden.
„Du ju speak Tschörrrmen?“ flüsterte er mir ins Ohr. Ununterbrochen. Beim Zähneputzen, unter der Dusche, zum Frühstück, von der Mittagspause bis hin zur Schlafenszeit. Der Mann ließ einfach nicht locker, sein penetrantes Flüstern wurde immer lauter und auch andere Dorfbewohner aus dem „Bierbrauerblues“ gesellten sich nach und nach dazu und feuerten ihn an.
Erleuchtung am Fuße des Gallitzinbergs
Um ehrlich zu sein, ich hatte zunächst keine Ahnung, was der Buchinger von mir wollte. Der Depp konnte sich einfach nicht richtig ausdrücken, auch wenn er mir noch so oft ins Ohr flüsterte.
Seufzend wanderte ich wie so oft gedankenverloren über den Ottakringer Friedhof, um meine Stimmung aufzuhellen. „Stopp!“, schrie der Buchinger in meinem Kopf auf einmal aus Leibeskräften. Völlig perplex blieb ich stehen und blickte nach rechts auf das schmiedeeiserne Grabkreuz einer schon vor langer Zeit hoffentlich glücklich verstorbenen Elisabeth. Mit „th“. Da fiel sie mir wieder ein: Elisabeth Aigner. Jene Frau, die ihre Familie vor achtunddreißig Jahren verlassen hat, den Postbeamten Franz und die beiden Kinder, Gabi und Raphael. Hat sie das nicht alles nur wegen ihrer großen Liebe getan? Wer war das noch mal gewesen?
Vor Aufregung musste ich laut niesen und die vielen Krähen am Baum über mir schreckten auf und flogen davon. Einem der Vogerl passierte ein kleines Malheur, das mit einem Turbopatzer auf meiner Mütze landete. Andächtig nahm ich sie ab und da war es mir klar: dieser Vogelschiss war nicht nur ein Zeichen, er hatte auch eine eindeutige Form – bei Elisabeths großer Liebe konnte es sich nur um die USA handeln!
Familientreffen – oder wie ordne ich das Chaos in meinem Kopf?
Sofort machte ich mich auf den Weg nach Hause, suchte in den unendlichen Weiten der Ordnerstruktur auf meinem Notebook das alte Manuskript mit meiner Idee zur Fortsetzung der Koppelrieder Kriminalgeschichte und wurde glücklicherweise fündig. Da waren sie alle wieder, schwarz auf weiß: der fesche, zum Polizeikommandanten degradierte Chefinspektor Aigner, seine dominante und etwas untergroße Schwester Gabi, sein kleiner Sohn Felix, sein erzkatholischer Vater, die resolute Wirtin Erni, die freche Rita aus Wien, der schweigsame Schorsch und viele andere mehr.
Es war ein Familientreffen der etwas anderen Art und gleich begannen alle wild durcheinander zu reden. „Das war wia in an James Bond Film!“, hörte ich den Fleischhauer noch rufen, aber dann platzte mir der Kragen. „Ruhe nochmal! Kruzifix!“, brüllte ich, um mich gleich danach wieder höflich zu benehmen. Nicht, dass Sie einen falschen Eindruck von mir bekommen. „Einer nach dem anderen, wenn ich bitten darf. Und zwar brav der Reihe nach, meine Lieben.“
Frau Percht und ihre Wilde Jagd
Rasch öffnete ich am Notebook ein neues Dokument und tippte: „Sonntag, Stefanitag – am zweiten Weihnachtsfeiertag sitzen der Sepp und die Hanni wie immer bei ihren Besuchen stocksteif auf meiner Wohnzimmercouch.“ Zu allererst ließ ich das Mordopfer erzählen, schließlich blieb dem ja am wenigsten Zeit von allen, seine Uhr tickte bereits. Und so schrieb sich das Buch fast von alleine, ich musste nur tippen, was mir die Koppelrieder diktierten. Sie waren zufrieden mit mir, alle kamen früher oder später zu ihrem Auftritt in der mörderischen Geschichte. Das turbulente Treiben in den Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönigstag nahm mich so sehr in Anspruch, als wären auch in meinem realen Leben die gespenstischen Raunächte angebrochen. Es ging rund und mit ihrer „Frau Percht und der Wilden Jagd“ ließen mir vor allem die Älteren unter den Dorfbewohnern einfach keine Ruhe mehr. Auch wenn ich auf das ganze abergläubische Geschwätz nichts gebe, irgendwie wurde es dann etwas gruselig, muss ich gestehen.

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