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Herr Professor, wieso sind wir Menschen laut Ihrem neuen Hörbuch ein „Experiment“?
Das Schicksal der Menschheit unterliegt im Moment nicht nur einem, sondern gleich einem ganzen Bündel aus Exponentialfunktionen, also Veränderungen, die sich immer schneller und schneller vollziehen. Wissenschaftler sprechen von der „Großen Beschleunigung“. Wir Menschen sind aber psychologisch betrachtet äußerst schlecht darin, Exponentialfunktionen zu begreifen. Das ist das titelgebende Experiment: Schaffen wir es doch noch, uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen? Oder richten wir uns selbst zugrunde?
Sie machen drei Faktoren aus, die unser Leben in der nahen Zukunft besonders stark prägen werden. Das müssen Sie bitte erklären.
Es spielen sogar noch deutlich mehr exponentiell wachsende Faktoren wichtige Rollen, aber drei der wichtigsten sind: die exponentielle Zunahme von CO2 in der Atmosphäre, die immer noch exponentielle Entwicklung digitaler Technologie und das Wachstum der Weltbevölkerung. Letzteres verläuft allerdings glücklicherweise nicht mehr exponentiell, die Weltbevölkerung wird vermutlich noch in diesem Jahrhundert wieder zu schrumpfen beginnen. Was viele Leute aber gar nicht wissen: Auch ein prozentual konstantes Wirtschaftswachstum von, sagen wir mal, zwei Prozent ergibt auf die Dauer eine Exponentialfunktion.
Sie warnen vor den Auswirkungen exponentiellen Wachstums. Wenn wir an die industrielle Revolution denken, an die Pestwellen der Vergangenheit oder an das deutsche Wirtschaftswunder – gab es exponentielles Wachstum nicht schon immer?
Exponentielles Wachstum gab es in der Tat schon immer, in der Vergangenheit vollzog es sich aber in der Regel in der Natur und stieß dann schnell an seine Grenzen. Bakterien in einer Petrischale voll Nährlösung vermehren sich unter Umständen exponentiell – und wenn die Nährlösung aufgebraucht ist, sterben alle auf einmal. Die exponentiellen Entwicklungen, um die es im Buch geht, haben alle eins gemeinsam: Sie sind keine natürlichen Prozesse, sondern samt und sonders Auswirkungen menschlichen Handelns. Wir verändern den Planeten so sehr, dass Wissenschaftler jetzt vom Anthropozän reden, dem Menschenzeitalter. Erdbewohner der Zukunft werden unser Wirken in Form von Sedimentschichten wiederfinden können, noch in Millionen Jahren.
Sie stellen auch eine Verbindung zwischen exponentiellem Wachstum und negativen Entwicklungen in Sachen Rassismus, Menschenverachtung und Gewaltbereitschaft her. Wie meinen Sie das?
Es gibt eine lose, mittlerweile in vielen Ländern der Welt vertretene Gruppierung von Leuten, die an sogenannte akzelerationistische Ideen glauben. Sie nehmen die sich immer mehr beschleunigende Entwicklung wahr und sind überzeugt, dass sie die Menschheit in eine Katastrophe führen wird, einen gigantischen Bürgerkrieg oder den Kollaps des Wirtschaftssystems zum Beispiel. Rechtsextreme Akzelerationisten wie der Massenmörder von Christchurch oder der Mann, der in Halle in eine Synagoge eindringen und möglichst viele Menschen töten wollte, glauben, dass sie selbst diesen Prozess mit Gewalttaten beschleunigen können. Dass sie eine Art Endkampf herbeiführen werden. Das möchten sie deshalb, weil sie glauben, dass sie oder ihresgleichen dabei einen großen Sieg davontragen werden. Sehr oft sind das extreme Rassisten, aber interessanterweise gibt es ähnliche Ideen von der kriegerischen oder ökonomischen Apokalypse als Erlösung und Chance zum Sieg der eigenen Gruppierung auch bei manchen Linksextremisten – und auch bei fanatischen Islamisten wie den Anhängern des IS.
Das hört sich nicht hoffnungsvoll an. Gibt es für uns einen Weg raus aus dem Dilemma
Die Große Beschleunigung, um die es im Hörbuch zentral geht, hat der Menschheit nicht nur Schlechtes, sondern auch sehr viel Gutes gebracht. Früher einmal prognostizierte, gigantische Hungersnöte sind ausgeblieben, weil Landwirtschaft so viel effizienter geworden ist, die Kindersterblichkeit geht weltweit seit vielen Jahren immer mehr zurück, überall auf der Welt leben die Menschen wesentlich länger als früher, es gibt weit weniger extreme Armut, elementare Bildung bekommen Kinder – auch Mädchen – mittlerweile fast überall auf der Welt. Das sind alles extrem positive Entwicklungen. Wir haben uns aber – Stichwort Klimakrise – und damit verbunden – Stichwort Artensterben – auch in eine sehr gefährliche Lage gebracht. Was wir tun müssen – und meiner Ansicht nach auch tun können – ist, endlich bewusster zu entscheiden, wo wir exponentielles Wachstum wollen und wo eben nicht mehr. Im Moment wächst zum Beispiel die globale Kapazität von Photovoltaikanlagen zur CO2-freien Stromerzeugung exponentiell. Das ist die Art von Beschleunigung, die wir dringend brauchen.
Unsere Politik basiert auf permanentem Wirtschaftswachstum. Kann das gut gehen?
Wenn wir einfach weitermachen wie bisher, kann das nicht gutgehen, das ist mittlerweile offenkundig. Man muss hier aber stark differenzieren: In den westlichen Industrienationen geht das Wachstum ohnehin seit Jahren zurück. Es stimmt nämlich gar nicht, dass wirklich alle Menschen einfach immer mehr im Sinne von immer mehr Produkte kaufen wollen. Viele wollen lieber mehr Zeit haben, mehr positive Erlebnisse, mehr Bildung. In Schwellen- und Entwicklungsländern dagegen ist das Wachstum für viele noch essentiell, um Armut, Krankheiten, gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen und anderem zu entgehen. Es kommt, das hat schon der Erfinder des Bruttosozialproduktes vor Jahrzehnten so formuliert, darauf an, was da wächst und wozu.
„In bestimmten, klar umgrenzten und wohldefinierten Bereichen sind lernende Maschinen in der Lage, schöpferisch zu sein“, heißt es in Ihrem Hörbuch. Was bedeutet das für uns?
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