Jörg Steinleitner: Herr Professor Otte, mit Ihrem Buch „Der Crash kommt“ haben Sie die Krise vorhergesagt und viel Geld verdient. Sind Sie beleidigt, wenn wir Sie als „Krisengewinnler“ bezeichnen?
Max Otte: Nein, das nicht. Ich habe das ja selbst in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung so formuliert, allerdings in ironischer Absicht. Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte dieses Geld nicht verdient und die Krise wäre nicht gekommen. Ich habe ja auch vorher in der leichten Hoffnung gewarnt, dass es vielleicht nicht so schlimm wird, wenn sich die Leute auf die Krise vorbereiten.
Jörg Steinleitner: Ihr Werk „Investieren statt Sparen“ ist ein Plädoyer für Aktien. Allerdings haben Sie diesen Bestseller lange vor der aktuellen Wirtschaftskrise geschrieben. Glauben Sie nach allem, was passiert ist, noch an Aktien?
Max Otte: Mehr als damals, aber abgeklärter und reifer. Damals war die Aktieneuphorie … Dennoch gebe ich in dem Buch sehr bodenständige Ratschläge. Aber rückblickend muss man sagen, dass die 2000er ein verlorenes Aktienjahrzehnt waren. Der DAX steht jetzt da, wo er vor zehn Jahren war. Das heißt aber für mich, dass jetzt ein viel besserer Zeitpunkt für Aktien ist. Denn Sie kaufen mit einer Aktie ja quasi ein bewegliches Objekt. Die Wirtschaft wächst und die Unternehmen, die sie jetzt kaufen, sind mehr wert als vor zehn Jahren. Aber sie kriegen sie noch zu dem gleichen Preis wie vor zehn Jahren. Das heißt: Ich wäre nicht mehr so euphorisch wie damals, aber ich glaube, dass der Zeitpunkt jetzt sogar ein besserer ist.
Jörg Steinleitner: In diesem Buch erläutern Sie mehrere Strategien, mit denen man auf Aktienbasis sein Vermögen mehren kann. Je nachdem, wie risikobereit man ist, empfehlen Sie z.B. die ziemlich idiotensichere Kaufleute-Strategie oder die Königs-Strategie. Würden Sie sagen, dass diese Strategien nach der Wirtschaftskrise noch einmal neu bewertet werden müssen, oder funktioniert das immer noch?
Max Otte: Zunächst einmal muss ich sagen – ich spreche hier ja mit Juristen – das Buch ist nur ein Ratgeber, der Strategien vorführt, die funktioniert haben. Das sind Anregungen zum eigenen Denken. Die Einzelbewertung muss immer vom Käufer selbst zum jeweiligen Kaufzeitpunkt getroffen werden. Sie können nie blind nach einem Buch vorgehen. Aber im Prinzip ist all dies, was ich da geschrieben habe, noch valide. Bei der Königs-Strategie geht’s ja einfach nur darum, in sehr gute Unternehmen mit sehr guten Finanzzahlen zu investieren. Bei der Kaufleute-Strategie geht’s darum, in normale Unternehmen zu investieren, die aber sehr billig sind und sehr hohe Dividenden abwerfen. Das funktioniert eigentlich immer noch. Voraussetzung bei der Aktienanlage ist immer, dass Sie viel Zeit mitbringen, denn die Märkte sind irrational und können auch mal mehrere Jahre in die falsche Richtung laufen. Aber letztlich sind Aktien die rentabelste langfristige Anlageklasse.
Jörg Steinleitner: Zeit haben die meisten unserer Leser, viele sind Studenten und Referendare und damit noch ideal jung für eine Aktienanlage. Aber gerade in dieser Lebensphase kurz vor oder nach dem Berufsstart hat man eigentlich kein Geld übrig, um sich ein Vermögen aufzubauen. Würden Sie trotzdem, wenn Sie heute Student wären, etwas anzulegen?
Max Otte: Ja natürlich. Je früher, desto besser, denn dann wirkt das Wunder des Zinseszinses: Wenn Sie 10 Prozent Rendite schaffen, was mit einer halbwegs geschickten Aktienauswahl möglich ist – nicht jedes Jahr, aber im Durchschnitt – dann verdoppelt sich ihr Depot alle sieben Jahre. Das heißt, den, der mit 20 anfängt, können Sie mit 40 fast nicht mehr einholen. Und gerade bei Juristen sehe ich, dass viele ihr Geld schlecht investieren. Juristen gucken mehr aufs Verdienen. Bei der Kapitalanlage sind sie oftmals nicht so geduldig, langfristig und geschickt wie Mittelständler. Also ich würde in der Tat mit 20 anfangen. Leider merke ich bei meinen Vorträgen, dass die Leute das Thema erst so ab 35 oder 40 interessiert, wenn das Haus gebaut ist, und wenn man dann ein bisschen was übrig hat. Das ist aber eigentlich viel zu spät. Ich würde jetzt in Topunternehmen investieren, oder in einen breit streuenden globalen Aktienfonds, und dafür jedes Vierteljahr vielleicht 250 Euro abzwacken.
Jörg Steinleitner: Berufsanfänger werden oftmals von Versicherungen, Finanzdienstleistern und Co. belagert. Was empfehlen Sie da?
Max Otte: Würd’ ich nichts machen. Ich würde mich im Thema Aktienanlage bilden, ich würde meine Aktien oder Fonds selber aussuchen. Gerade bei Riester-Produkten zum Beispiel hat die Wirtschaftswoche ausgerechnet, dass man oft 90 Jahre alt werden muss, damit man was von der Förderung hat. Weil die Branche eben extrem daran mitverdient. Wenn Sie einfach einen bestimmten, guten Fonds, der global ist, oder einen deutschen oder europäischen Fonds, einmal im Vierteljahr kaufen, dann ist für Ihr Vermögen mehr getan, als wenn Sie irgendeinen Plan von einem Finanzdienstleister kaufen. Die ganzen Vertriebsleute müssen ja bezahlt werden. Und die leben nicht schlecht von dem, was sie tun, normalerweise.
Jörg Steinleitner: Wenn wir noch einen Blick auf die Weltwirtschaft werfen: Die amerikanische Notenbank pumpt im Moment sehr viel Geld auf den Markt, gleichzeitig wanken mehrere europäische Staaten. Stehen wir bereits vor der nächsten Finanzkrise?
Max Otte: Wir haben sicherlich wenig bis nichts getan, um die nächste Krise oder Blase zu vermeiden. Ich rechne aber nicht mit einer akuten Krise. Die Euro-Hysterie war auch übertrieben. Das war letztlich ein versteckter Angriff auf das deutsche Wirtschaftssystem. So schlecht geht es Europa nicht. Es geht Amerika viel schlechter. Europa hat im Schnitt ein Haushaltsdefizit von 6 Prozent, Amerika hat 11 Prozent. Dort schlägt die Staatswirtschaft Blüten (nicht hier in Europa) und dort kann es noch zu Verwerfungen kommen. Aber ich rechne nicht mit einer allgemeinen Finanzpanik wie Ende 2008.
Jörg Steinleitner: Sie haben während der von BP verursachten Ölkatastrophe empfohlen, BP-Aktien zu kaufen. Gibt es für Sie Investments, die Sie moralisch oder juristisch für nicht vertretbar halten?
Max Otte: Ja. Aber BP halte ich deswegen für vertretbar, weil da eine Scheinexekution eines Konzerns in der Öffentlichkeit stattfand. Die anderen sind auch nicht viel besser. Entweder wir fahren keine Autos mehr oder man kann diese Investition auch machen. Alles andere ist aus meiner Sicht heuchlerisch. Aber es gibt schon Anlagen, die ich nicht tätigen würde. Zum Beispiel reine Abzockermodelle, wo Kapital emittiert wird, mit erneuerbaren Energien geworben wird, aber dahinter stehen sehr windige Geschäftsmodelle, von denen vor allem der Emittent reich wird. Sowas mache ich nicht mit.
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