
Herr Maske, Sie haben das Vorwort zu Bernard Larssons Band „Revolte – Die 68er-Bewegung in Bildern und Texten von Zeitzeug*innen“ verfasst und als einer der Chefs des Goya-Verlags vermutlich auch einen großen Anteil zu seiner Entstehung beigetragen. Sie waren 1968 noch ziemlich jung. Wie nah waren Sie der Studentenbewegung?
Es gab die Aktion Roter Punkt, in der Gewerkschafter und Studenten gegen Fahrpreiserhöhungen im Nahverkehr demonstrierten. Der SDS ließ von sich hören, Franz Josef Degenhardts Lieder machten die Runde ebenso wie „Satisfaction“ von den Stones. Der Schlagzeuger, mit dem ich gemeinsam Avantgarde Jazz spielte, war befreundet mit Benno Ohnesorg. Ich hörte Reden von Rudi Dutschke und Vorlesungen von Professor Peter Brückner. Das alles war für mich neu und interessant.
Bernard Larssons Fotos in diesem wirklich gelungenen „Revolte“-Band sind auf ganz eigene Weise ausdrucksstark. Was empfinden Sie, wenn Sie durch dieses Buch blättern?
Diese Bildsprache erreicht mich sehr direkt und regt mich immer wieder an zum Nachdenken, über damals, heute und über die Zukunft. Und das geht vielen so, den Autorinnen und Autoren, die sich in Beiträgen für dieses Buch äußern, Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, die die Bilder sahen.
Der Fotograf Bernard Larsson ist berühmt, weil er etwa den erschossenen Benno Ohnesorg fotografierte. Was zeichnet seine Art der Fotografie aus?
Er war und ist der Fotograf der 68er Bewegung. Einzigartig. Bewegend.
Sie konnten Prominente wie Ulla Hahn, Klaus-Peter Wolf und Gregor Gysi als Autorinnen und Autoren dieses ziemlich besonderen Buchs gewinnen. Fiel Ihnen das leicht?
Ich musste den vertretenen Autorinnen und Autoren nicht lange erklären, worum es geht. So kamen wir gut zusammen.
Wie nah sind sich die Protagonisten der 68er-Zeit heute?
Das ist vermutlich recht unterschiedlich, manche Wege haben sich getrennt, andere führen immer wieder zusammen. Es gibt Freundschaften, es gibt Gedankenaustausch über die Gegenwart und mögliche Zukunft.
Für ältere Leserinnen und Leser ist der Band Erinnerungsarbeit und Einladung zu nostalgischen Gedanken. Inwiefern ist das Vermächtnis, das das Buch widerspiegelt auch eine Aufforderung an die Jugend und ein Impuls für die Zukunft?
Ich möchte niemanden in seinen nostalgischen Gedanken stören, aber ich nehme immer wieder wahr, dass über die Altersgruppen hinweg Fragen und Diskussionen zur aktuellen Politik und Gesellschaft aufkommen.
Brauchen wir eine neue 68er-Bewegung – eine neue „Revolte“?
Gibt es dafür nicht schon Ansätze zur Klimapolitik, zu Kriegen, zu sozialen Fragen, zu bezahlbarem Wohnen, zur gesellschaftlichen Stellung von Frauen?
Da haben Sie recht. Beeindruckend in „Revolte“ sind die Bilder scheinbar unübersehbarer, demonstrierender Menschenmengen, die sich für eine gemeinsame Aussage sammelten. Was drücken sie für Sie aus?
Bewegung, Mut, Aufbruch, engagiertes Miteinander.
Gibt es ein Foto in diesem Bildband, das Sie besonders berührt?
„Erschossen werden, weil man seine Meinung äußert, das war der Gipfel der Repression“, sagte der Fotograf. Das berühmteste und wohl traurigste Foto des ermordeten Benno Ohnesorg lässt sicher niemand kalt, aber in diesem Band gibt es kein Foto, das mich nicht berührt.
Wir finden Fotos wichtiger Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze, von der Springer-Presse-Demonstration, vom Schah-Besuch – Bernard Larsson scheint überall dabei gewesen zu sein. Wie ist ihm das gelungen?
Er ist ein Profi, arbeitete zum Beispiel für den „stern“. Und Fotografie sieht er als „ein aufklärerisches Mittel“, mit dem er „etwas bewegen wollte“. Da muss man sich eben selbst auch bewegen.

© Bernard Larsson
„Wir hatten aus der Geschichte gelernt. Glaubten wir. Sicher. Und heute? Wo bleibt unser Protest gegen den Krieg in Europa, gegen Kriege überhaupt?“, schreibt Ulla Hahn in Ihrem Text, der neben dem Foto eines Opfers amerikanischer Angriffe auf Vietnam steht. Stellt sich Ihnen Ulla Hahns Frage auch?
Ja, viele engagieren sich für den Frieden, aber es können gar nicht genug sein. Menschenleben werden noch immer geopfert für unmenschliche Ziele in menschenverachtenden Kriegen. Und die vergeudeten Ressourcen, für die noch immer internationale Rüstungskonzerne Riesenprofite einstreichen, könnten stattdessen im Frieden für die Ernährung der Weltbevölkerung, für eine wirksame Klimapolitik, zur Bewältigung von Naturkatastrophen, für Gesundheit, Soziales, Bildung und Kultur aufgebracht werden. Ulla Hahns Beitrag ist ein gutes Beispiel für die Denkanstöße des Buches.

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