Herr Poschenrieder, in Ihrem Roman „Mausersegler“, über eine skurrile Altmänner-WG in einer eleganten Villa, geht Ihr Erzähler mit seiner eigenen Generation hart ins Gericht: Männer seines Alters hätten so einiges „verbockt“ in Sachen Umweltschutz, Atomkraft und Klima, sagt er. Sehen Sie die Generation der 68er persönlich auch so kritisch?
Die sind eigentlich eher die Vor-68er; die, die sich von der Generation ihrer Eltern nicht wirklich abgrenzen. Jene, die Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen, mit aufbauen, Motoren und Profiteure des „Wirtschaftswunders“ sind. Nachher kann man leicht schlauer sein: das sollte man bei aller kritischen Rückbetrachtung nie vergessen, deswegen halte ich mich da zurück und warte, was die nachfolgenden Generationen uns vorhalten.
Je tiefer man in Ihre mit großer Eleganz und leisem, feinem Witz erzählte Geschichte eintaucht, umso finsterer werden Humor und Generationskritik. Wurden Sie von Lesern der beschriebenen Altersgruppe attackiert?
Überhaupt nicht. Ich hatte sowas – also eher Kritik, nicht „Attacken“ – erwartet, es kam und kommt, auf Lesungen etwa, aber selten. Die Alten haben sich mit dem Thema schon beschäftigt, das ist gewiss kein Tabu mehr für sie. Ich glaube auch, dass ältere Menschen in vielen Dingen wesentlich gelassener sind, die Themen Tod und Sterben dürften dazu gehören. Gelegentlich höre ich, dass der eine oder andere auch schon an die Gründung einer Alten-WG gedacht hat, andere finden die Darstellung der Lebens- und Gedankenwelt von alten Menschen gut getroffen – bemerkenswert von einem Autor, der „erst“ 51 ist. Da muss ich immer ein bisschen lachen. Etwas Einfühlungsvermögen wird man von einem Schriftsteller schon erwarten können, oder?
Absolut. Ihr Werk ist gespickt mit teils in Nebensätzen verborgenen Andeutungen, Gedanken- und Wortspielen, scharfsinnigen Beobachtungen. Wie entstehen Ihre Sätze und Kapitel? Ist es ein mühsamer Prozess des Ent- und Verwerfens oder schreiben Sie die erste Version eines Kapitels relativ locker hin? Bitte gewähren Sie uns ein wenig Einblick in Ihren Schreibprozess.
Ich denke lange nach und schreibe schnell. Wenn es mühsam wird, mache ich lieber Pause, geh spazieren. Oder tu sonst irgendetwas. Abgesehen davon kann ich wenig zum „Schreib-Prozess“ sagen; ich empfinde das auch nicht Prozess – was ja Voranschreiten bedeutet – das geht so intuitiv dahin. Außerdem arbeite ich meistens an vielen Stellen gleichzeitig, springe von Baustelle zu Baustelle. Ich sehe meine Sätze auf dem Bildschirm oder dem Papier auch zum ersten Mal: dann entscheide ich, ob’s gut ist oder nicht. Da muss ich ab und zu auch einen Tag warten. Streichen macht mir nichts aus, ich kann mich von allem trennen, weil ich einfach so ein Grundvertrauen habe, dass mir wieder etwas einfallen wird – vielleicht sogar Besseres …
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