Der 1955 geborene, hochsensible Intellektuelle feierte Erfolge als Autor, Auslandskorrespondent, Literaturwissenschaftler und Kritiker, bevor er als Fernseh-Moderator (u.a. „Willemsens Woche“) und Bestsellerautor bekannt wurde. „Kleine Lichter“ war sein erster Roman. Jörg Steinleitner sprach mit ihm bei Erscheinen über dieses Buch, über die Liebe und Altersgrenzen.
Herr Willemsen, Sie haben einmal gesagt, Sie wollten ein Buch über die Liebe schreiben, ehe sie 60 Jahre alt sind. Sie haben bis zu diesem Termin noch ein gutes Liebes-Jahrzehnt vor sich – befürchten Sie nicht, Ihr Roman „Kleine Lichter“ könnte einige Wahrheiten über die Liebe ausgelassen haben?
Die größere Befürchtung lag darin, das Schreiben über die Liebe könnte jenseits der 60 etwas von einer Ersatzhandlung kriegen. Ich weiß nicht, was die alten Männer mit dem Stift machen, wenn sie sich der Liebe nähern, aber Schreiben allein ist das nicht. Was immer meinem Buch an Altersweisheit fehlt, kann ich vielleicht dadurch kompensieren, dass ich mich an die Pubertät noch gut genug erinnere.
Wieso setzten Sie sich selber diese Altersgrenze? Ist die Liebe nicht ein altersloses Phänomen?
Roger Willemsen: Gewiss, aber im Alter bekommt sie leicht etwas Gutmütiges oder so ein Aroma von Feng Shui. Ich wollte lieber von einem Zustand der Hysterie und Unvernunft, von einer Verneinung des Praktischen, Realistischen erzählen, vom letzten Rest des Irrsinns und von der Wahrheitssuche.
Was ernüchterte Sie – als Ihre erste große Liebe zu Ende gegangen war – am meisten?
Der Pragmatismus der Geliebten, die das Ende der Geschichte behandelte wie einen emotionalen Insolvenzantrag, während ich immer noch an das délire á deux glaubte.
„Wer liebt, wechselt das Jahrhundert“, spricht Ihre Protagonistin Valerie in „Kleine Lichter“ ihrem im Koma liegenden Geliebten aufs Band. Können Sie uns sagen, was Sie damit meinen könnte?
Wir leben in einer ironischen Zeit, in der uneigentliche Sätze, nicht-gemeinte Aussagen triumphieren. Leidenschaft dagegen kennt kein Uneigentliches, sie meint alles ernst, und sie greift zu Worten, die außer Gebrauch gekommen sind. Diese ganze Aufwertung des Sensiblen, der Natureindrücke, der nuancierten Wahrnehmung eines anderen Menschen führt einen in Sprechformen des 19. Jahrhunderts zurück.
Warum schrieben Sie aus der Sicht einer Frau? Machen Sie sich damit nicht viel angreifbarer als wenn Sie aus männlicher Perspektive geschrieben hätten?
Was nicht angreifbar ist, ist belanglos. Hätte ich weniger angreifbar sein wollen, hätte ich einen Unterhaltungsroman aus dem Milieu von gegen ihr Gewicht anturnenden Yogalehrerinnen schreiben müssen. Aber ich muss nun einmal das tun, was mich am meisten interessiert. Begonnen hatte ich, den Monolog aus der Perspektive des Mannes zu schreiben, dachte aber dauernd: So denkt doch kein Mann! Die Perspektive der Frau lag mir einfach näher. Ich fürchte, Freud wäre sehr interessiert gewesen.
Die Liebenden, um die es in Ihrem Roman geht, lebten eine Liebe zwischen Tokio, Wien und London, eine Liebe auf Distanz, eine Liebe, wie sie heute von vielen gelebt wird. Haben solche Lieben, in denen Projektion und Illusion noch eine weit größere Bedeutung zukommt, überhaupt eine Chance auf Dauerhaftigkeit? Lebt Liebe nicht gerade auch von der körperlichen Anwesenheit des Geliebten?
Vermutlich ist das Verhältnis von Nähe und Ferne ein Grundproblem des Liebens. Denn eigentlich sind alle Lieben Fernlieben, alle müssen Distanzen überbrücken. Die räumliche Ferne macht, dass die Illusionsbildung wuchert, und die Liebe ist nun einmal auch eine Schwulstform der Bilder treibenden Phantasie. Insofern könnte ich sagen: Ich glaube weniger an das Überleben einer Liebe, die nicht irgendwo auch Distanzliebe bleibt.
Valerie stellt in der Nachbetrachtung fest, dass sie gerade im Augenblick des sexuellen Höhepunkts plötzlich, „satt von Lust“, ihren Liebespartner aus dem Sinn verliert. In welchem Verhältnis stehen aus Ihrer Sicht Liebe und Lust zueinander?
Ich glaube, es gibt einen Moment kurz vor dem Höhepunkt, da genügt die Lust sich selbst. Sie würde sich auch weiter steigern, wenn man ihr den Menschen nähme und statt seiner ein Glas Erdbeermarmelade hinstellte. Das ist aber nicht das Ende der Liebe, sondern alle Liebe muss durch die Anerkennung der tiefen Unpersönlichkeit zwischen den Menschen auch in der Lust hindurch und vollendet sich erst so.
Ihre Hauptperson beschwört an einer Stelle den Wahnsinn, das Urfeuer, die Raserei und Entgrenzung der Liebe und fragt sich, ob diese Zustände von allen Menschen im Rahmen einer allgemeinen Gleichmacherei zugunsten von Geilheit und Ablenkung behoben worden seien. Teilen Sie diese trübsinnige Weltsicht Ihrer Protagonistin?
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