Catharina Junk hatte im Alter von 20 Jahren Krebs. Heute ist sie 43 und putzmunter – und legt einen so ernsten wie heiteren Roman vor. In seinem Mittelpunkt steht eine Heldin, der Ähnliches widerfährt wie es die Autorin selbst erlebte. Ein sehr offenes, intensives Gespräch über das Glück zu leben, die Angst vor dem Tod und die Liebe in Zeiten der Krankheit.
Frau Junk, Sie haben einen ergreifenden Roman über eine junge Frau geschrieben, die Ihre Krebserkrankung gerade erst überstanden hat. Sie wissen sehr genau, wovon Sie da erzählen, denn Sie hatten als Studentin selbst Krebs. Wie leicht fiel es Ihnen, auf vergleichsweise heitere Weise über ein so ernstes Thema zu schreiben, das so viel mit Ihnen selbst zu tun hat?
Die Stimme der Hauptfigur ergab sich eigentlich wie von selbst, denn es hat mich gereizt, neben den traurigen und tragischen Momenten, die es ja ebenfalls in meinem Roman gibt, auch die komischen zu finden. Zum einen, weil diese Perspektive mir damals während meiner eigenen Erkrankung sehr geholfen hat und zum anderen, weil der Text dadurch einen bestimmten emotionalen Rhythmus bekommt. Im Drehbuchjargon nennt man das comic relief, also das Lösen von Spannung durch Komik, bevor es dann wieder ernster weitergeht. Was mein eigenes Empfinden beim Schreiben betrifft, so wurden natürlich bestimmte Erinnerungen wieder wachgerufen und es gab Tage, an denen ich sehr mitgenommen war. Aber auch das war für mich eine positive Erfahrung, denn ich hatte einen gewissen zeitlichen Sicherheitsabstand und habe mich erzählerisch mehr getraut, als ich vielleicht direkt nach der Krankheit vor 20 Jahren gewagt hätte.
Die Geschichte beginnt damit, dass Ihre Heldin Nina nach vermutlich erfolgreicher Behandlung – so genau weiß man ja nicht, ob sie nicht einen Rückfall erleiden wird – aus dem Krankenhaus entlassen wird. Ninas Eltern beschenken sie mit einem eigenen Auto, was Nina wütend macht: „Aus meiner Sicht ist es völliger Schwachsinn, auch nur einen Cent in mich zu investieren. Kann doch sein, dass ich nächste Woche einen Rückfall habe.“ Wie war das bei Ihnen – wie lange brauchten Sie, um Ihrer Gesundheit wieder zu trauen?
Die Passage, die Sie ansprechen, entspringt einer tatsächlichen Begebenheit. Meine Eltern haben mir damals auch ein Auto geschenkt und ich habe ähnlich reagiert wie Nina: überfordertes Losheulen. Ich konnte es nicht ertragen, dass meine Eltern so fest an mein Überleben glaubten, weil ich Angst hatte, sie enttäuschen zu müssen. Dahinter steckte die pure Angst, bald nicht mehr da zu sein. Bei mir hat es mindestens zehn Jahre gedauert, bis ich nicht gleich bei jedem kleinen Schnupfen panisch geworden bin. Und auch heute, nach über 20 Jahren, bin ich durch einen geschwollenen Lymphknoten leicht zu verunsichern. Eine Krebsdiagnose ist eine unglaubliche Erschütterung und wenn man das große Glück hat, wieder gesund zu werden, gibt es trotzdem immer wieder Nachbeben.
Dieses Vertrauen in das eigene Überleben zu finden und zu bewahren, ist ein Problem, das auch viele Gesunde kennen. Haben Sie einen Trick, mit dem Sie sich und andere in zuversichtliche Stimmung bringen können?
Nein, weil dieses Vertrauen ja auch nicht wirklich gerechtfertigt ist. Eine schlimme Diagnose kann jeden jederzeit treffen. Eine Lebenskunst besteht wohl unter anderem darin, das Wissen darum entweder erfolgreich zu verdrängen oder sich bewusst zu machen, ohne daran zu verzweifeln. Welchen Weg man wählt, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Ihr Buch ist an vielen Stellen witzig. Was bedeutet Humor für jemanden, der wie Nina schwer krank ist?
Nina schöpft Kraft aus ihrem Humor. Das ist ihre Überlebensstrategie. Vor allem in Situationen, in denen sie selbst nichts ausrichten kann oder besonders verletzlich ist. Die eigene Tragik erscheint ihr weniger bedrohlich, wenn sie die darin liegende Komik betrachtet. So fühlt sie sich trotz Todesangst weniger ausgeliefert und gewinnt wenigstens ein kleines bisschen Kontrolle über ihr Leben zurück. Dieser Humor hat aber auch einen leicht bitteren Beigeschmack, der ihr bewusst ist. Trotzdem hält sie an dieser Perspektive fest, weil sie ein bisschen Halt und Erleichterung verspricht.
Sieht man von Ninas Krankheit ab, so erlebt sie die normalen Situationen eines jungen Lebens – sie verliebt sich, sie küsst den Richtigen und verliert ihn, sie küsst den Falschen und muss ihn loswerden; sie verursacht Missverständnisse und hadert mit Sehnsüchten. Was ist sind für Sie die drei schönsten Dinge am Jungsein, an der Jugend?
Da ich heute noch dieselben Dinge liebe wie in meiner Kindheit und Jugend, nämlich mit Familie und Freunden zusammen sein, Lesen und Filme gucken, gibt es für mich eigentlich keinen Unterschied. Das einzige, was mir einfällt ist, dass das Zeitempfinden in jungen Jahren anders ist und dass, wenn alles gut läuft, mehr Lebenszeit vor einem liegt, als beispielsweise mit Anfang 40.
Kann man sich dieses kindliche Zeitempfinden bewahren?
Ich zumindest leider nicht. Aber durch meine beiden Söhne kann ich noch einmal ein bisschen daran teilhaben. Sie spiegeln mir, wie unterschiedlich wir beispielsweise die Länge eines Tages wahrnehmen. All die Ewigkeiten, die sie empfinden – das finde ich sehr rührend und schön.
Eine wichtige Rolle spielen in Ihrem Roman neben Ninas Liebhabern Ninas Eltern. Da gibt es viele Ängste, die zu Bevormundungen führen. Sie selbst sind heute auch Mutter. Inwiefern hilft Ihnen das, rückblickend die Sorgen Ihrer Eltern besser zu verstehen?
Durch meine Kinder habe ich nachträglich noch einmal einen anderen Blick auf die Zeit meiner Krankheit bekommen. Es gibt im Roman einen Moment, da sagt Ninas Mutter im Krankenhaus zu ihr: „Ich würde sofort mit dir tauschen, wenn ich könnte.“ Das ist eine Situation, die aus meinem Leben gegriffen ist, denn meine Mutter hat diesen Satz einmal zu mir gesagt, als es mir während der Chemotherapie sehr schlecht ging. Ich habe damals verstanden, was sie mir damit sagen wollte, aber heute weiß ich, wie sie sich dabei gefühlt haben muss.
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