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Dr. Konstantin Schamber im Interview über Technik, die Entscheidungen trifft und die Folgen davon

Wieso bei KI Verantwortung zerfallen lässt. Welche Regeln der Mensch der Technik setzen muss. Und ob wir eigentlich ihr Opfer sind. Dr. Konstantin Schamber im Interview über sein Buch „Monofuturis“.

Beitragsbild für das Interview über das Buch „Monofuturis“

Herr Dr. Schamber, „Monofuturis“ ist ein Plädoyer für „offene Zukünfte in einer technisierten Welt“. Warum sprechen Sie von Zukünften im Plural?

Weil es nicht nur eine Zukunft geben darf. Zukunft ist kein fertiger Gegenstand, den man vermessen müsste. (Interview Teil 1 – über Mensch und Technik in der Zukunft) Zukunftsforschung unterscheidet zwischen möglichen, wahrscheinlichen und wünschbaren Zukünften. Was technisch machbar ist, muss nicht zwingend gesellschaftlich sinnvoll sein.
Offenheit bedeutet deshalb echte Alternativen. Freiheit heißt nicht, zwischen hundert Varianten desselben Systems zu wählen. Sie braucht mindestens zwei tatsächlich nutzbare Wege – auch die Möglichkeit, eine Technik abzulehnen, ohne gesellschaftlich ausgeschlossen zu sein.
Doch Standards, Infrastrukturen, Märkte und Macht verengen den Raum des Möglichen. MONOFUTURIS beschreibt genau diesen Prozess. Offene Zukünfte sind daher kein romantisches Wunschbild, sondern eine politische Gestaltungsaufgabe der nächsten Generation.

Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz konzentriert viel Macht bei wenigen Menschen und Unternehmen. Finden Sie, dass die Frage der Verantwortlichkeit hier ausreichend geregelt ist?

Nein, gerade bei KI zerfällt Verantwortung besonders leicht. Daten, Modell, Betrieb, Einsatz und Nutzung liegen oft bei verschiedenen Akteuren. Geht etwas schief, zeigt jeder auf den nächsten in der Kette.
Gleichzeitig konzentriert sich Macht dort, wo Zugänge, Rechenleistung, Standards und Schnittstellen kontrolliert werden. Wer diese Engstellen beherrscht, bestimmt mit, welche technischen Zukünfte möglich bleiben. Die Macht verdichtet sich, die Verantwortung verdunstet.
Deshalb braucht es klare Pflichten, Transparenz und Sanktionen. Politik darf Innovation nicht nur nachträglich kommentieren. Sie muss Sicherheit, Kontrolle und Rechenschaft verbindlich regeln, ohne jede Erprobung zu ersticken. Und genau das ist die Quadratur des Kreises! Trotzdem muss Verantwortung zumindest ansatzweise eindeutig zugeordnet werden. Andernfalls wird zwar gehandelt – doch niemand trägt die Folgen.

Technische Systeme können Regeln befolgen. Können sie aber auch lernen, verantwortlich zu handeln?

Ein technisches System entscheidet nicht wie ein Mensch. Es verarbeitet Vorgaben, Daten und Ziele. Auch adaptive Systeme entwickeln daraus weder Absicht noch Gewissen oder Erfahrung. Sie können wie Akteure wirken, ohne moralische Akteure zu sein.
Verantwortung verlangt mehr als regelkonformes Verhalten: Gründe verstehen, Wertkonflikte aushalten, Folgen einordnen und für Entscheidungen einstehen. Eine Maschine kann diese Sprache überzeugend nachahmen, aber weder Schuld tragen noch Rechenschaft erleben. Sie kann Risiken anzeigen, Alternativen berechnen und Regeln konsequent anwenden. Verantwortlich bleiben jene, die Ziele setzen, Systeme bauen und Ergebnisse nutzen. Wer Verantwortung an Maschinen überträgt, gewinnt keine Moral – er verliert nur die Adresse für seine Beanstandungen.

Dürfen wir technischen Systemen erlauben, eigenständig ethische Entscheidungen zu treffen, etwa in Medizin, Justiz oder Militär?

Die Frage ist nicht ob, sondern wann und unter welchen Umständen. Eigentlich sollen technische Systeme bei ethisch schwierigen Entscheidungen lediglich beraten, aber nicht zur letzten Instanz werden. Gefährlich (Interview Teil 2 – über Technik, Chancen und Gefahren) wird es, wenn Menschen formal entscheiden, praktisch aber nur abnicken, was sie nicht verstehen. Dann wird der Mensch zum Haftungsetikett der Maschine. Echte Kontrolle seitens Menschen braucht Zeit, Kompetenz, Einblick und die Macht zum Nein. Sonst ist der Mensch keine wirkliche Kontrollinstanz, sondern Dekoration.

Europa setzt bei neuen Technologien vergleichsweise stark auf Regulierung. Schützt uns das – oder droht es Forschung und Innovation auszubremsen?

Beides ist möglich: Zu wenig Regulierung macht Märkte zu Gefahrenzonen, zu viel kann Innovation lähmen oder in Länder mit niedrigeren Standards verdrängen. Wer jede Nebenfolge ausschließen will, müsste das Neue verbieten, bevor er es kennt.
Europa sollte weder maximale Freiheit noch maximale Kontrolle anstreben, sondern eine lernfähige Regulierung mit klaren Grundpflichten, überprüfbaren Zuständigkeiten und zugleich Raum für neue Praktiken.
Doch nationale Regeln stoßen an Grenzen, wenn Kapital, Wissen und Produktion global beweglich sind. Weltweit verbindliche Standards werden daher notwendig. Darin liegt allerdings ein Paradox: Eine globale Regulierung kann Sicherheit schaffen, zugleich aber technische Vielfalt verringern und einheitliche Entwicklungspfade erzwingen. Genau das wäre MONOFUTURIS – der Schutz vor Risiken führt womöglich selbst zur Vereinheitlichung der Zukunft.

Ihr Buch „Monofuturis“ blickt auch auf die Geschichte der Technik. Welche Lektion daraus wird beim Thema Verantwortung bis heute am häufigsten ignoriert?

Die eigentliche Geschichte einer Technik beginnt erst nach ihrer Erfindung. Zunächst sehen wir ihre Funktion, später ihre Nebenfolgen. Der Buchdruck vervielfältigte nicht nur Texte, sondern veränderte Bildung, Religion, Politik und Wissenschaft. Das Auto transportierte nicht nur Menschen, sondern formte Städte, Infrastruktur und Ressourcenverbrauch.
Trotzdem wird Verantwortung gern auf den Erfinder reduziert. Er soll Folgen kennen, die gerade deshalb kaum absehbar sind, weil die Technik neu ist. Später verteilt sich Verantwortung auf Hersteller, Politik, Markt und Nutzer – und wird unsichtbar.
Die entscheidende Lektion lautet: Technik verändert nicht nur Geräte – sie baut unsere Gesellschaft um, meist ohne Rückfahrkarte. Abhängigkeit kommt dabei nicht als Zwang, sondern als Komfort. Wir begrüßen sie, machen sie unentbehrlich und überlassen ihr Stück für Stück die Schlüssel. Wenn wir schließlich merken, dass die Tür ins Schloss gefallen ist, ist es meist zu spät. Dann ist aus Zukunft längst Monozukunft geworden.

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Welche fachliche und ethische Bildung brauchen Menschen in einer technisierten Zukunft? Was sollten Schulen und Universitäten ganz konkret vermitteln?

Nicht jeder Technikanwender braucht umfassende Fachkenntnisse – das wäre unrealistisch. Aber wir brauchen auch keine gehorsamen Konsumenten, sondern Menschen, die kritisch denken, nachfragen und wirtschaftlich wie politisch frei urteilen können.
Schulen und Universitäten sollten den Umgang mit Unsicherheit, kritische Gegenprüfung und den Blick für Interessen hinter scheinbar neutralen Ergebnissen vermitteln. Dazu gehört es die Botschaften auf Plausibilität, Absicht und mögliche Täuschung zu prüfen. Ebenso wichtig sind ethische Fragen nach Verantwortung, Transparenz und Autonomie. Universitäten sollten diese Themen vertiefen und interdisziplinäre Zusammenarbeit fördern. Spezialisten allein genügen nicht, wenn niemand mehr das Ganze versteht.
Bildung muss lebenslang sein. Ihr Ziel ist Urteilsfähigkeit. Denn wer nur lernt, Systeme zu nutzen, wird irgendwann von ihnen benutzt.

Welche Rolle spielt die Familie beim verantwortlichen Umgang mit Technik?

Die Familie spielt eine zentrale Rolle beim verantwortlichen Umgang mit Technik, weil Kinder dort ihre ersten digitalen Gewohnheiten, Einstellungen und Regeln kennenlernen. Besonders wichtig ist das Vorbild der Eltern und anderer Familienmitglieder: Kinder orientieren sich nicht nur an dem, was Erwachsene sagen, sondern vor allem an ihrem tatsächlichen Verhalten.
Ein verantwortungsvoller Umgang entsteht durch klare, altersgerechte Regeln, gemeinsame Gespräche und die begleitete Nutzung digitaler Angebote. Familien können Kindern zeigen, wie man Informationen überprüft, persönliche Daten schützt, Bildschirmzeiten bewusst gestaltet und bei Problemen Hilfe sucht. Gleichzeitig sollten sie vermitteln, dass Technik sinnvoll zum Lernen, zur Kommunikation und zur Kreativität eingesetzt werden kann. Damit schafft die Familie eine wichtige Grundlage dafür, dass Kinder Technik selbstständig, kritisch und verantwortungsbewusst nutzen.

Wenn wir Sie richtig verstehen, halten Sie es für eher unwahrscheinlich, dass sich technische Systeme immer – im Sinne eines Fortschritts – weiterentwickeln. Warum?

Technischer Fortschritt folgt keinem Naturgesetz. Entwicklungen können beschleunigen, stagnieren oder abbrechen. Physik, Kosten, Rohstoffe, Infrastruktur, Regeln und gesellschaftliche Akzeptanz setzen Grenzen. Was technisch möglich ist, wird deshalb noch lange nicht gebaut oder dauerhaft erhalten.
Auch Wissen kann verloren gehen. Komplexe Technik braucht Bildung, Wartung, Energie und stabile Institutionen. Fallen diese Voraussetzungen weg, gerät Fortschritt ins Stocken oder bricht zusammen. Er ist kein Motor, der ohne Treibstoff weiterläuft.
Hartnäckig bleiben dagegen oft die Folgen früherer Entscheidungen. Sind Fähigkeiten, Infrastrukturen und Alternativen einmal verdrängt, führt kein einfacher Weg zurück. Wir fahren also nicht zwangsläufig vorwärts – können aber auf einer Strecke landen, deren nächste Ausfahrt längst geschlossen ist.

Bislang ging es vor allem um Staaten, Unternehmen und Institutionen. Welche Verantwortung sollte der Einzelne im Alltag übernehmen?

Der Einzelne ist kein machtloses Opfer der Technik. Jeder Klick, jede Freigabe von Daten und jede ungeprüfte Empfehlung stärkt bestimmte Systeme. Wer Technik nutzt, entscheidet mit, welche Plattformen wachsen, welche Geschäftsmodelle sich durchsetzen und wie viel Kontrolle Unternehmen gewinnen.
Doch persönliche Verantwortung hat Grenzen. Wer auf Smartphones, digitale Zahlungen oder große Plattformen verzichtet, riskiert heute schnell Nachteile oder Ausschluss. Deshalb ist es bequem, alles zur „Eigenverantwortung“ zu erklären.
Der Einzelne muss kritisch wählen, prüfen und widersprechen. Aber Staaten und Unternehmen tragen die größere Last, weil sie Regeln setzen und Märkte beherrschen. Verantwortung ohne Macht ist keine Verantwortung – sondern Schuldverschiebung.

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