
Soll ich wirklich über meine verflossene Geliebte schreiben?
Die verflossene Geliebte. Soll ich wirklich über sie schreiben? Sie literarisch verarbeiten, öffentlich bloßstellen, aller Welt vorführen, wie sie wirklich tickt? Wie gierig und gemein sie sein kann, wie verlogen, wie gut sie heuchelt, obwohl sie in Wahrheit längst über ihre alten Ideale lacht? Soll ich das wirklich tun?
Es könnte wie eine verspätete Revanche, wie Rache aussehen
Es könnte wie Rache wirken, wie ein verspätetes Revanchefoul. Schließlich haben wir uns schon vor langer Zeit getrennt. Nein: Ich habe sie verlassen. Sie hätte mich schon noch eine Weile ertragen, vielleicht sogar für immer. Ja, das hätte sie. So egal war ich ihr. Solche wie mich hatte sie Dutzende an jedem Finger, hat sie immer noch. Wohlmeinende Idealisten, immer gut für niedere Dienste. Ins Hinterzimmer aber geht sie mit den anderen, genau wie früher, da ist sie sich treu geblieben. Sich. Aber mir nicht!
Kaum waren wir zusammen, gab es Streit – ein Dauerzustand
Ja, ich schreibe über sie. Ich mache sie richtig fertig. Dabei liebe ich sie doch immer noch! Seit damals, als mein Vater uns miteinander bekannt gemacht hat. Kaum waren wir zusammen, gab es Streit – ein Dauerzustand bis zur späteren Trennung und darüber hinaus. Und trotzdem, solch eine Liebe vergeht nie ganz. Auch wenn die Geliebte längst nicht mehr die ist, der ich einst verfiel. Ich trage es in mir, da machst du nichts! Ihr Name? Sie heißt SPD.
Es lag an Willy Brandt, seinerzeit. Doch dann kam die kalte Dusche
Natürlich wegen Willy Brandt seinerzeit. Das Pathos, diese großen Gesten, der Kniefall in Warschau! Vor allem aber seine Vergangenheit als Emigrant und Widerstandskämpfer. Alle anderen Bundestagsparteien steckten voller Mitläufer und Mittäter, da kam doch nur diese eine Partei in Frage! Also rein da mit 17, voller Euphorie. Sofort kalte Dusche: verständnisloses Herumsitzen bei unverständlichen Debatten. Die höheren Ränge waren nie dabei, entschieden später sowieso nach eigenem Gutdünken. In der nächsten Versammlung erklärten uns ihre Kofferträger, warum das richtig gewesen war. Diese Kofferträger waren die nächsten auf der Karriereleiter, und nur wer nickte, bekam die Chance, ihnen nachzufolgen.
Irgendwann war Schluss. Ich trat aus der SPD aus
Frust, Rückzug, Abstand. Nächster Versuch an der Uni, wo seinerzeit linke Positionen dominierten. Aber egal, was dort entwickelt wurde, in den Ortsvereinen wurde alles geblockt. Die SPD zimmerte sogar das Hochschulrahmengesetz, das viele Reformansätze abwürgte. Nächste Frustphase. Und immer so weiter, bis hin zum Schröderismus und der Zerstörung der Ems durch eine rot-grüne Landesregierung. Da war dann Schluss, Austritt, Tschüss.
Ein literarisches Schlaglicht könnte unseren politischen Zustand erhellen
Und das noch einmal im Roman thematisieren? Wo wir doch gerade ganz andere Probleme haben? AfD und Neue Rechte, gewaltbereite Schwurbler, Islamismus und Antisemitismus, Krisen und Krisenprofiteure? Genau darum. Denn jetzt fehlt eine Gegenkraft, ein sozial kompetentes Sammelbecken, ein wertestabiles Bollwerk. Nicht jeder merkt das, denn die Fassade steht ja noch. Ein literarisches Schlaglicht könnte diesen Zustand erhellen und enthüllen. Also warum nicht?

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