
Elias Canettis Mutter hatte eine Affäre, die ihren Mann erregte
In „Die Gerettete Zunge“ erzählt Elias Canetti, dass seine Mutter vor dem Ersten Weltkrieg zur Kur im mondänen Staatsbad Bad Reichenhall gewesen war und dort eine intensive, quasi freundschaftliche Beziehung zu dem leitenden Kurarzt gehabt hatte, die offenbar ihrer Genesung sehr zuträglich war. Als sie nach ihrer Rückkehr nach England, wo die Canettis zu der Zeit lebten, ihrem Mann davon erzählte, vermutete dieser aber etwas ganz anderes. In der Erinnerung des kleinen Elias erregte sich sein Vater so sehr über diese – eingebildete oder tatsächliche – Affäre seiner Frau mit dem Kurarzt, dass er einen Herzanfall erlitt, an dem er, noch sehr jung, verstarb. Ob es sich wirklich so zugetragen hat, wissen wir natürlich nicht. Wir wissen nur, dass entweder der kleine Elias das Ereignis so gedeutet hat oder der große Canetti es so aufschrieb, weil es eine tolle Geschichte war.
Vornehme Hotels, ein russischer Hof und ein Gentleman-Verbrecher
Ich plante eine neue Krimireihe bei einem neuen Verlag, und als Schauplatz hatte ich mir Bad Reichenhall ausgesucht, das in seiner Blüte das „Meran des Nordens” genannt wurde. Vor allem der osteuropäische Adel gab sich hier ein Stelldichein. Vornehme Grand Hotels, ein russischer Hof, fremdsprachige Zeitungen, Gottesdienste mit jüdischem und orthodoxem Ritus, das alles gehörte zum Alltag. Protagonist sollte, so schwebte meinem Agenten und mir vor, ein charmanter Gentleman-Verbrecher sein, der während des Falls selbst in Verdacht gerät und den wahren Täter ermitteln muss, wenn er seinen Kopf noch rechtzeitig aus der Schlinge ziehen will. Was mir noch fehlte, war ein Kapitalverbrechen, das an diesen Ort und zum Protagonisten passte, dazu ein überzeugendes Motiv und ein raffinierter Täter oder eine Täterin.
Männlich, Ende 30, kurzes Haar, braune Augen, ausdefinierter Körper
Zuerst leben die Figuren nur in meinem Kopf. Ich denke über ihre Motive und Ziele nach und über ihre Entwicklung, wie sich die Handlung entwickelt. Und dann lese ich plötzlich etwas oder, noch besser, ich erlebe es leibhaftig und dann weiß ich: Das isses! Genau so erging es mir dann, zur exakt richtigen Zeit, in einem Flugzeug auf dem Weg von Berlin nach Salzburg.
Ich nehme meinen Gangplatz ein, da taucht ein Gesicht über mir auf
BER war noch nicht eröffnet, Vor-Corona-Zeit. Berlin-Tegel, nicht der schönste aller Flughäfen, eher so ein Barackengefühl auslösend, noch dazu das letzte aller abgelegenen und zuletzt noch angebauten Terminals, allerletztes Gate, Warten auf den easyjet-Flug nach Salzburg. Boarding. Ich nehme meinen Gangplatz ein, strecke die Beine aus, da taucht ein Gesicht über mir auf, männlich, Ende dreißig, Kurzhaarschnitt, braune Augen, dunkles Haar, Vintage-Lederjacke, Jeans und helles Hemd, unter dem ein ausdefinierter Oberkörper zu vermuten ist. Typ Daniel Craig, nicht allzu groß, 1.82 vielleicht, 78 Kilo. Toller Mann, aber was will er von mir? Ob es mir was ausmachen würde, ihm meinen Gangplatz zu überlassen. Ist das jetzt plumpe Anmache, eine Unverschämtheit oder habe ich ihn einfach nur falsch verstanden, obwohl er in meiner Muttersprache sprach?
Ich bin Personenschützer. Meine Schutzperson befindet sich in der Nähe
„Ich habe diesen Platz nicht zufällig gebucht”, versuche ich eine klare Linie zu fahren, „und möchte auch gern bis zur Landung hier sitzen bleiben.”
Er zieht einen laminierten Wisch aus der Tasche. „Dienstausweis” lese ich und irgendeine Abkürzung. „BKA” vielleicht. Er beugt sich weiter zu mir hinunter. „Ich bin Personenschützer. Meine Schutzperson befindet sich hier in der Nähe.” Vage Handbewegung in die Sitzreihen vor uns, keiner fühlt sich angesprochen und dreht sich zu uns um.
„Im Fall des Falles wären Sie im Weg, wenn ich während des Fluges zum Schutz dieser Person in Aktion treten müsste. Das wäre dann etwas unangenehm, für Sie wie für mich, und für die Zielperson vielleicht sogar tödlich.”

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