
Frau Wolf, Sie haben mit „Der Wunsch des Blumenelfs“ ein Märchenbuch geschrieben. Sicherlich nicht wenige Menschen könnten der Ansicht sein, Märchen seien etwas Altmodisches. Vermutlich vertreten Sie da eine ganz andere Meinung?
Da vermuten Sie ganz richtig, denn Märchen sind zeitlos. Das ist eines der Charakteristika, die diese Geschichten ausmachen. Sie passen somit in jede Zeit oder in keine. Altmodisch, nein, das kann ich nicht sagen.
Was können Märchen, was andere Texte nicht vermögen?
Sie bieten Trost. Das Böse bekommt immer eine Watschen, das Gute wird glücklich. Was willst Du mehr? Märchen fragen nichts, sie beantworten auch keine Fragen, sie sind der Ursprung des modernen Storytellings und dienen einzig der Geschichte, die den Umständen der Darstellung – den Charakteren – entspricht. Orte, Zeit und andere lineare Komponenten sind aussagegebunden und nur zu diesem Zweck Teil der Geschichte. Diese handeln oft von archetypischen Akteuren oder symbolischen Orten, die mit Situationen der Ohnmacht oder der Ungerechtigkeit zu kämpfen haben. Situationen, die jeder mal im richtigen Leben erlebt hat und sich wahrscheinlich eine Hexe, Drachen oder ein Wunder dann sehr gewünscht hätte. Und darüber nachzudenken, dazu regen Märchen an und auch zum Nacherzählen.
Hatten Sie beim Schreiben der elf Erzählungen eine bestimmte Leser- bzw. Zuhörerschaft im Kopf?
Nein, jeder, der lesen kann, sollte Märchen lesen. Und alle, die noch nicht lesen können, sollten Märchen vorgelesen bekommen, und alle, die nicht mehr lesen können, sollten Märchen hören. Ich würde mich freuen, wenn ich mit meinem Märchenbuch die Fantasie aller anregen könnte.
Welche Mittel setzen Sie dazu ein?
Am ehesten Sprache. Am besten eine, die der Kindheit entspricht oder Kindheitserinnerungen weckt. Damit meine ich nicht sowas aufgesetztes Altbackenes, sondern so, als kramte jemand in seiner Schatztruhe oder fände auf dem Dachboden den Schreibtisch aus Kindertagen, in dessen Schublade noch ein irgendwie vergessenes Märchenbuch liegt.
„Der Wettkampf der Hasen“ ist die erste Geschichte in Ihrem Buch. Es geht darin um einen Wettlauf, der am Ende alle Hasen gewinnen lässt …
„Der Wettkampf der Hasen“ ist eine trickreiche Erzählung. Sie gibt vor, von einem Wettlauf zu berichten, dieser wird jedoch nur kurz abgehandelt. Da könnten Lesende beleidigt sein. Bei näherem Hinsehen sollte der Titel dazu einladen, darüber nachzudenken, worin der Wettkampf der Hasen besteht. Denn Hasen können untereinander offenbar ganz schön heftig streiten. Aber am Ende behalten sie das Wesentliche im Blick. Und darauf kommt es bei einem Wettkampf doch an, oder?
Im Märchen „Der arme Schuster“ geschieht sogar ein Wunder …
Ha, ha, der arme Schuster ist schon ein überaus furchterregender Chef. Den wünscht sich wirklich niemand. Und: Da braucht es nichts Geringeres als ein Wunder. Kennt doch jeder aus der Arbeitswelt.
Die Moral der Schuster-Geschichte ist es, dass der ehrliche und freundliche Lehrling belohnt wird. Welche Werte wollen Sie damit transportieren und warum?
Es geht um Moral, aber auch um Wirtschaftskonzepte wie Nachwuchsförderung, Sei-nett-zu-Deinem-Lehrling-er-wird-mal-Dein-Konkurrent, Gebietsschutz. Dies in Märchensprache und -form verpackt, kommt ohne viel Brimborium aus. Das gefällt mir am meisten.
Welche tiefere Bedeutung steckt in Ihrer Titelgeschichte „Der Wunsch des Blumenelfs“, die von einem Elfen und einem Käfer handelt, dem der Elf einen Wunsch erfüllen muss, um weiterleben zu dürfen?
Da geht es ums Schenken und um das Erhalten von Geschenken. Und was das bedeutet. Für die eine wie für die andere Seite. Es ist ein bisschen wie der tiefere Sinn von Weihnachten, aber es geht um Leben und Tod. Na ja, vielleicht geht es dabei zu Weihnachten ja auch manchmal.
Was macht für Sie ein gutes Märchen aus?
Kürze, Sinn, Hoffnung und Trost. Und manchmal auch ein wenig Rache.
In Ihrem Buch sind kleine schwarz-weiße Illustrationen. Bitte erzählen Sie ein wenig, was es damit auf sich hat.
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