Frau Bluhm liest „Der Circle“: 4 von 5 Blu(h)men

Dave Eggers zeichnet mit „Der Circle“ eine Dystopie, die gar nicht so dystopisch scheint
Im Zentrum von Dave Eggers‘ Roman „Der Circle“ steht die 24-jährige Protagonistin Mae Holland. Mit der Anstellung beim Circle, die ihr ihre Collegefreundin Annie verschafft, sieht sie die Chance ihrem tristen Alltag in einem Provinzkaff zu entfliehen und endlich Karriere zu machen. Und anfangs scheint die Welt des Circle auch voller Möglichkeiten zu stecken. Mae findet sich in einer Welt wieder, die modern, vernetzt und motiviert zur Veränderung ist, doch bald beginnt der Leser zu begreifen, dass Veränderung nicht nur das Gegenteil von Stillstand bedeutet, sondern auch den Verlust von Werten, die vielleicht einmal wichtig waren …
Doch was ist „der Circle“ überhaupt?
Gegründet wurde die Firma von den sogenannten „drei Weisen“: Tyler „Ty“ Gospodinov, Eamon Bailey und Tom Stenton. Die ursprüngliche Idee von Ty war es, alle Funktionen, die das Internet bietet, unter einem Usernamen, mit einem Passwort und einer Identität zu vereinen. Schluss sollte sein, mit dem Merken unterschiedlicher Passwörter auf unterschiedlichen Apps. Alles sollte vereinfacht und so auch sicherer werden. Jeder, der die Circle App runtergeladen hatte, loggte sich unter seinem eigenen Namen ein und konnte von da an alle Handlungen im Internet über diese eine App erledigen.
So wurde die erste App vom Circle „TruYou“ geboren. Von diesem Tag an gibt es kein Halten mehr. Die Vorteile dieses Systems liegen auf der Hand: Da jeder als mit seiner wahren Identität gemeldet ist, werden Werbung und Verkaufsangebote sofort effektiver, der Identitätsdiebstahl ist über Nacht ausgemerzt und das Internet erscheint mit einem Mal viel höflicher als je zuvor, da niemand mehr in einem Shitstorm seinen eigenen Namen verwenden will. Innerhalb weniger Monate verdrängt „der Circle“ alle bis dahin bestehenden sozialen Netzwerke und Suchmaschinen, bis irgendwann so gut wie 100% der Internethandlungen über „TruYou“ abgehandelt werden. Seitdem wächst „der Circle“ immer mehr und veröffentlicht in atemberaubender Geschwindigkeit Apps und Gadgets, die das soziale Netzwerk stärker, größer, sicherer und effektiver machen.
„Teilen heißt Heilen!“ ist das Motto für das neueste Gadget von „Der Circle“
Das ist das Motto, unter dem einer der drei Weisen, Eamon Bailey, das neueste Gadget des Circle vorstellt: eine murmelgroße Kamera, die für kleines Geld erhältlich und mit nahezu unbegrenzter Sendeleistung versehen ist. Diese kann, und soll von jedem Circle-Mitglied, an jedem noch so versteckten Ort der Welt angebracht werden, um auf diese Weise ein Videonetzwerk zu schaffen, das jeden Ort zu jederzeit überwachen und dokumentieren kann. „Alles was passiert, muss bekannt sein“. Dadurch sollen die Straßen sicherer und Terroranschläge verhindert werden. Wie alle Erfindungen, die der Circle auf den Markt bringt, steckt auch die Erfindung der Kleinkamera „SeeChange“ zunächst erst einmal voller Möglichkeiten. Dies ist erst der Anfang des weltweiten Aufrufes des Circle zur Totalüberwachung der USA, und schließlich der ganzen Welt.
Dave Eggers zeichnet eine Zukunft, in der das Sozialleben im Cyperspace als unmittelbare soziale Verpflichtung wahrgenommen wird
Wir folgen Mae auf ihrer Reise ganz von Anfang an: wie sie sich aus dem äußeren Kreis der Mitarbeiter immer weiter nach innen arbeitet. So bekommt man als Leser hautnah mit, was die Protagonistin erfährt und wie sich ihre Persönlichkeit auf dieser Reise verändert. Was klein beginnt, wird im Verlauf dieses Romans immer größer und symbolisiert dabei das unaufhaltsame Wachstum der modernen Technik.
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