
Herr Vail, Ihr Science-Fiction-Roman „Die Schatten der Solaren Union“ entwirft eine Welt der Zukunft. Wie sieht diese Zukunft aus?
„Die Schatten der Solaren Union“ beschreibt nicht nur eine technologische Zukunft, sondern vor allem auch eine – eher weniger als mehr – weiterentwickelte politische Zukunft der Menschheit. Es ist keine strahlende Zukunft, vielleicht auch keine wünschenswerte, aber eine realistische.
Ich glaube nicht, dass wir moralisch in 250 Jahren weiter sind, als es heute der Fall ist, vor allem, wenn wir nicht alle gemeinsam daran arbeiten, dass sich die Zustände verbessern. Eine utopische Zukunft ist kein Automatismus, es ist etwas, wonach wir gemeinsam jeden Tag streben müssen.
Was ist die „Solare Union“?
Die Solare Union ist ein interplanetarer Staatenbund zwischen den kolonialisierten Planeten und Monden der Menschheit. Sie ist nicht nur ein Spiegel der Gegenwart, sondern eine logische Weiterentwicklung der demokratischen Landschaft. Oberhaupt des Staates ist der Präsident, der vom Volk direkt gewählt wird, aber dennoch auf Mehrheiten im Parlament angewiesen ist. Ich habe sogar eine kleine Verfassung zu diesem interplanetaren Superstaat geschrieben, die sich mit der Weiterentwicklung der Demokratie auseinandersetzt, denn dieser interplanetare Staat selbst ist nicht dystopisch: Der Gründungsgedanke der Solaren Union ist höchst demokratisch – aber die Demokratie ist eben immer nur so stark wie die Menschen, die sie leben.
Die Story beginnt damit, dass in der Solaren Union Katerstimmung herrscht. Woran liegt das?
Es wurde gewählt. Und nach der Wahl herrscht immer Katerstimmung, würde ich sagen – ein Phänomen, das wir selbst in diesem Jahr erlebt haben. Das ureigene Wesen der Demokratie ist der Kompromiss. Viele Menschen erleben nicht nur in der Solaren Union, dass der Kompromiss immer ein Verlust für beide Seiten ist, anstatt ein Gewinn für alle.
Eine der schillernden Hauptfiguren Ihres Werks ist der populistische Präsident Marek. Was ist das für ein Typ?
Marek präsentiert sich insbesondere zu Beginn der Geschichte als rhetorisch stark, charismatisch und vor allem als Mann der Vereinfachung. Er bietet simple Antworten auf komplexe Fragen. Und Menschen, die müde sind, die wie im Roman tagein, tagaus unter den widrigsten Bedingungen Eis abbauen, um genug Geld zum Leben zu haben, hören gerne simple Antworten.
Julius Marek ist weniger Politiker …
Richtig. Er ist vielmehr Verkäufer, seine Ware sind einfache Wahrheiten und seine Bezahlung ist der Applaus der Masse. Und all das macht ihn scheinbar zum geborenen Gegenspieler für die Protagonistin der Geschichte, die Vizepräsidentin der Solaren Union, Selena Veyra. Sie ist eine pragmatische Idealistin in den Mühlen des Politikbetriebs mit ganz klaren Zielen, aber nicht ohne menschliche Fehler. Vereinzelt schätzen Menschen sie, aber sie bewegt nicht die Massen wie Julius. Das ist wohl das Schicksal von ernsten Stimmen in einem emotionalen Umfeld.
Sie bezeichnen „Die Schatten der Solaren Union“ als Near-Future-Politthriller. Hat Sie für Ihren Roman auch die Gegenwart inspiriert?
Mich hat ausschließlich der Gegenwart inspiriert. Wir sehen jeden Tag, wie die demokratischen Systeme weltweit unter Druck stehen und wir merken – hoffentlich – immer mehr, dass die beste Demokratie nur funktioniert, wenn wir es leben, schützen und verteidigen. Was mich natürlich besonders beschäftigt, ist nicht nur die wachsende Bereitschaft vieler Menschen, Wahrheiten gegen Erzählungen einzutauschen, sondern auch die schleichende Entkoppelung zwischen uns und der Realität.
Gerade im Prolog wählen Sie polarisierende Worte.
„… für Lesben, Schwule und Kinderficker.“ Die erste Rückmeldung dazu war, so etwas sei übertreiben, das gebe es doch nicht mehr. Das kam vor allem von Menschen, die nicht beispielsweise aus der queeren Community kommen. Die zweite Rückmeldung, eben von Betroffenen, war, dass es genau das ist, was sie erleben – und wie froh sie darüber sind, dass das sichtbar gemacht wird. Aber generell sind die meisten Figuren von realen Menschen inspiriert – im Übrigen auch manch ein Vorgang –, aber natürlich nicht eins zu eins kopiert.
Welche politischen Gruppierungen ringen in Ihrem Roman miteinander?
Das ist wie in der Realität: Man könnte fragen, wer ringt nicht miteinander? Exekutive gegen Legislative gegen Judikative, Medien gegen Politik gegen Menschen gegen Wirtschaft, die Parteien untereinander und gleichzeitig natürlich auch noch die Figuren selbst miteinander. Natürlich stehen sich mit der Partei der Vizepräsidentin Selena Veyra, die Progrediens, mit der Partei des Präsidenten Julius Marek, die Conservativae, und mit der Partei des Oppositionsführers Kallan Dresks, der Solidaritas, drei völlig unterschiedliche Anschauungen gegenüber – aber auch nur, solange es eben der eigenen Sache dient. In der Welt der Solaren Union sind Deals die Handelsware der Politik.
Was sind die Ziele der einzelnen Kontrahenten – wer sind die Bösen, wer die Guten?
Da stellt sich sofort die Frage: Wer ist denn in der Politik der „Gute“ und wer ist der „Böse“? Wahrscheinlich eine Frage des Standpunkts. Der Roman wird das Publikum sicherlich vor die Frage stellen: Wie viel Zweck heiligt die Mittel? Selena Veyra ist bestimmt eine Idealistin – zumindest bis zu einem gewissen Grad –, aber der Weg ihres Idealismus ist gepflastert mit höchst fragwürdigen Taten. Macht sie das „gut“ oder „böse“? Das ist wohl höchst relativ. Generell glaubt jede Figur, der Retter der Solaren Union zu sein, aber in Wirklichkeit gibt es kein „Gut“ oder „Böse“, nur Interessen, Widersprüche und eine Bühne, auf der Moral immer ein wenig Kulisse und Staffage bleibt – genauso wie die wahren Probleme der einfachen Menschen.
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