Stell dir vor, du bist Mordermittlerin und es taucht die DNA eines Serienkillers auf, den du gejagt hast und von dem du sicher weißt, dass seine Leiche eingeäschert wurde. Veit Etzolds „Schmerzmacher“!
Frau Bluhm liest „Schmerzmacher“: 5 von 5 Blu(h)men

Veit Etzold und seine Frau lernten sich am Obduktionstisch kennen
Zum ersten Mal in Berührung kam ich mit Veit Etzold durch die große Kraft des Zufalls. Ich traue es mich kaum zu sagen, aber im letzten Jahr erstand ich „Der Totenzeichner“, ein früheres Buch der Clara-Vidalis-Reihe, auf einem Grabbeltisch beim samstäglichen Wocheneinkauf im Supermarkt. Als Mängelexemplar für 3,99 Euro. Einzig und allein wegen eines kleinen Kratzers auf der Rückseite. Schon irgendwie ironisch, da das Buchcover, damals noch verlegt von Bastei Lübbe, einen gewollten, langen vertikalen Schnitt aufweist. Als ich zuhause zu lesen anfing stellte ich schnell fest, dass die Mängel sich garantiert nicht auf die Inhalte des Buches bezogen, denn ich war dem Thriller bereits nach wenigen Kapiteln hemmungslos verfallen. Wochen später war es mir eine große Ehre, den Autor und seine Frau und „größte Inspiration“ Saskia auf der Buchmesse zu treffen, auf ihrer Lesereise „Die Schöne und er liest“ erneut. Über dem Obduktionstisch haben sich die beiden kennengelernt. Sie bei der Arbeit als Pathologin, er auf Recherche für Clara Vidalis. Nicht gerade eine Gute-Nacht-Geschichte für die Enkel, aber ein unschlagbares Team für Mord und Totschlag. Veit Etzold erzählte mir dort im Januar von der Veröffentlichung des neuen Teils der Clara-Vidalis-Reihe, „Schmerzmacher“. Sehr, sehr lange neun Monate folgten.
„Schmerzmacher“ ist Clara Vidals intensivster Fall
Doch nun ist er da. Claras wohl intensivster Fall seit Jahren, denn die knallharte Ermittlerin hat einen neuen, wundervollen Schwachpunkt: Tochter Victoria, die gleich zu Anfang des Buches getauft wird. Veit Etzold spielt in diesem Zusammenhang außerordentlich gekonnt und intensiv mit der Dialektik zwischen Gut und Böse, die Clara in diesem Prozess beschäftigt. Sie hat als Ermittlerin in den vergangenen Jahren so Grauenhaftes gesehen, Schlimmes erlebt. Veit Etzold lädt uns ein, zusammen mit Clara den inneren Dialog darüber zu führen, inwiefern es überhaupt zu verantworten ist, ein Kind in diese Welt zu setzen, oder ob es nicht vielleicht sogar das Sinnvollste ist, was man tun kann, um die verkommene Welt ein Stück besser zu machen. Und Clara hat zusammen mit Partner und Ehemann Martin, Spitzname MacDeath, schon einige wirklich sehr verkommene Seiten der Welt gesehen. Schon als Jugendliche hatte sie mit harten Schicksalsschlägen zu kämpfen. Der größte davon war wohl der gewaltsame Mord an ihrer Schwester Claudia durch Ingo M., der bereits vor Jahren den Tod durch die Hand eines anderen Serientäters fand, den Clara in ihrer Funktion als Ermittlerin des LKA Berlin jagte. Wegen Claudia ist sie damals zur Polizei gegangen, blickt Tag für Tag dem Bösen ins Gesicht und hofft, dass es nicht zurückschaut. Erst mit der Geburt von Victoria fing diese tiefe Wunde an zu heilen.
Ein tot geglaubter Serienmörder meldet sich zurück
Gerade jetzt, als für Martin, Clara und Victoria ein wenig tröstliche Alltagsroutine zu herrschen scheint, meldet sich Ingo M. zurück: Seine DNA ist am Tatort eines vorgeblichen Suizids aufgetaucht. Eigentlich unmöglich, da Ingo M. seit Jahren tot ist und zudem eingeäschert wurde. Aber eine Genanalyse lügt nun mal nicht und die DNA eines Menschen ist ebenso einzigartig wie die Struktur einer Schneeflocke. Für Clara beginnt ein Prozess des Grauens und der Unsicherheit. Mit Unterstützung ihres erfahrenen Teams beginnt die Ermittlerin, die losen Fäden des Falls zu verknüpfen. Die Nadel im Heuhaufen zu suchen, ohne überhaupt den Heuhaufen zu sehen. Doch Clara wäre nicht Clara, wenn sie nicht jedes Mittel nutzen würde, das ihr zur Verfügung steht.
Aus einem Serienkiller-Fall wird ein Wirtschaftskrimi
Veit Etzold zeigt „Schmerzmacher“ das, was er am besten kann: Es gelingt ihm, einen Wirtschaftskomplott zu integrieren in das, was ursprünglich ein Serienkiller-Fall war. Ich habe schon mehrere seiner Wirtschafts- und Politthriller gelesen, und obwohl ich in seiner Fachbegrifflichkeit nicht immer alles verstand, merkte ich beim Lesen sehr schnell, dass sich Veit Etzold hier richtig gut auskennt, ohne den Alleswisser rauszukehren. Man merkt ihm seine Vergangenheit als Banker und Strategieberater einfach an. In „Schmerzmacher“ führt er nun Clara Vidalis in diese Welt ein. Runtergebrochen auf das Vokabular des Ottonormalverbrauchers macht Veit Etzold einen Wirtschaftsthriller dabei so interessant, dass selbst Menschen, die sich sonst nicht mit diesem Thema beschäftigen, verstehen um was es geht, ja dies sogar noch spannend finden. Zumindest ging es mir so.
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