
Herr D’Andrea, Ihr neuer Thriller „In Zeiten des Todes“ handelt von einem Serienmörder, der in Bozen Prostituierte brutal ermordet. Ihre drei Hauptfiguren sind der Kommissar Luther Krupp, die Polizistin Arianna Lici und der junge Journalist Milla. Alle drei arbeiten an der Aufklärung der Mordfälle mit. Was zeichnet sie aus?
Jede von ihnen basiert auf realen Personen, aber im Gegensatz zu den anderen Figuren des Romans habe ich mich von den „Originalen“ entfernt, eben weil ich kein „lokales“, sondern ein universelles Buch schreiben wollte. Jede der drei Figuren, die Sie hervorgehoben haben, steht für eine Frage. Was ist Gerechtigkeit? Wo ist die Grenze zwischen Gerechtigkeit und Rache? Und: Können wir das Böse verstehen? Nicht das kleine Böse, das des „normalen“ Verbrechens, sondern das sinnlose Böse, mit dem man sich nicht abfinden kann. Krupp, Lici und Milla verkörpern diese Fragen.
Welche Rolle spielt der Journalist Milla in dem Ganzen? Er jagt ja nicht nur den Serienkiller, sondern sieht auch die Arbeit der Polizei sehr kritisch …
Milla verkörpert die Art von Mensch, die wir sind, wenn wir anfangen zu verstehen, dass wir die Welt zuerst ohne Angst beobachten müssen, wenn wir sie verändern wollen. Auch wenn das ein beängstigender Gedanke ist. Denn die Realität ist widersprüchlich, grausam und frustrierend. Milla entdeckt, dass wir gerade in den dunkelsten Stunden das wahre Gesicht dessen sehen, was wir kennen. Und vor allem, dass wir gerade dann, wenn die Dunkelheit zu siegen scheint, erfahren, was für ein Mensch wir wirklich sind.
Die Opfer des Serienmörders sind allesamt Prostituierte, teils blutjung. Und fast alle sind drogensüchtig. Ihre Beschreibungen wirken unglaublich echt. Haben Sie selbst direkt in diesem Milieu recherchiert?
Ich bin im damals schlimmsten Teil der Stadt geboren und aufgewachsen. Viele meiner Jugendfreunde sind auf diesen Straßen ums Leben gekommen, entweder durch die Drogen, die dort verkauft wurden, oder durch die ziellose Gewalt, die für bestimmte Milieus typisch war.
Wenn man Ihren Thriller liest, drängt sich die Vorstellung auf, dass das auch einen sehr guten, sehr spannenden, aber vielleicht auch erschreckenden Film ergeben würde. Ist eine Verfilmung geplant?
Vielen Dank für die netten Worte. Ja, die Vorproduktion ist im Moment im Gange. Es wird kein Film sein, sondern eine Fernsehserie. Mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen, außer, dass auch deutsche Leser den Film sehen können, da es sich um eine internationale Produktion handelt und nicht um eine rein italienische.
Sie haben angedeutet, dass die Recherche Ihnen leichtfiel, weil Sie das kriminelle Milieu gut kannten.
Ja, ich erinnere mich sehr gut daran. Kurz gesagt: Ich erkenne Heroin leicht, wenn ich es sehe. In meiner Kindheit und Jugend war es leicht, die Drogenabhängigen auf Spielplätzen oder in Gassen zu finden. Als ich beschloss, dass es an der Zeit war, darüber zu schreiben, begann ich, mir Namen und Gesichter einzuprägen. Ich spürte sie auf und stellte ihnen Fragen.
Wie haben Sie das Vertrauen der Frauen gewonnen?
Das war nicht schwer. Die Leute wissen, wer ich bin, sie wissen, was ich tue, und sie wissen, dass ich ein Mann bin, der sein Wort hält. Wenn ich verspreche, keine Identitäten oder Quellen preiszugeben, ist es sicher, dass ich nie den Mund aufmachen werde. Ich war sehr transparent: „Das habe ich vor – wollen Sie mir helfen?“ Natürlich haben viele dieser Zeugen die Aussage verweigert, und ebenso viele haben mir Lügen aufgetischt, die für das Guinness-Buch der Rekorde würdig wären. Aber es gab auch solche, die mir buchstäblich ihr Herz ausschütteten – aus Wut, aus dem Wunsch nach Wiedergutmachung oder einfach aus Zuneigung zu den Mädchen. Ohne diese Menschen, auch diejenigen, die mich täuschen wollten, denn auch in der Lüge steckt immer ein Körnchen Wahrheit, hätte es diesen Roman nicht gegeben.
Ihr Roman legt nahe, dass es auch in den Reihen der Polizei schlechte Menschen gibt. Wollen Sie über diesen Teil der Geschichte ein wenig mehr verraten?
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