„Manche Leute kann man besser aus der Ferne liebhaben.“
An einer Stelle des Romans wird die Ich-Erzählerin Daley gefragt, ob sie das „schon mal erlebt hat, dass dein Herz in Stücke zerbricht?“ Daley antwortet schlicht mit „Ja“. Später fügt sie noch an: „Du meinst die Art, wo du jeden Morgen aufwachst und dich fühlst wie von einem Panzer überrollt und nicht normal atmen kannst.“„Als ich klein war, dachte sich mein Vater am laufenden Band Überraschungen aus.“
Ja, dies ist ein ernstes Buch. Lily King erzählt die Geschichte einer Tochter und ihres Vaters. Von zweien, die sich lieben, wie nur Tochter und Vater einander lieben können, und sich verletzen, wie dies auch nur in dieser Konstellation möglich ist. Das Drama nimmt seinen Lauf, als Daley elfjährig heimlich mit der Mutter das Elternhaus verlässt und nicht wiederkehrt. Die Scheidung – in den 50er-Jahren noch stigmatisiert – trifft den Vater ohne jede Vorwarnung. Und Daley fühlt sich der Komplizenschaft schuldig. Eben erst hat er ihr noch einen Hund geschenkt, und jetzt ist sie weg.„Wie kommt es, dass Klänge aus meiner Vergangenheit etwas Beruhigendes haben, obwohl die Vergangenheit selbst so gar nicht beruhigend war?“
Daley liebt den Vater, obwohl er zu viel trinkt, obwohl er sich mitunter unmöglich benimmt. Sie liebt ihn mit all seinen Schwächen. Und der Vater liebt sie: Er baut ihr einen Pool, er macht Blödsinn mit ihr, er steht zu ihr. Aber er lässt sie auch immer wieder im Stich. Seine Verfehlungen sind schmerzhafte Stiche in ihr Herz. Aber muss eine Tochter ihrem Vater nicht verzeihen? Diese Frage ist für Daley der Antrieb bis in ihr eigenes Erwachsenenalter, immer wieder dem Vater zu helfen, obwohl er es so oft gar nicht verdient.„Es war noch nie klug, die Welt meines Vaters mit irgendeiner anderen Welt zusammenbringen zu wollen.“
Natürlich passieren solche Geschichten millionenfach auf der Welt. Und dennoch entwickelt Lily Kings Erzählung einen Sog, dem man sich schlechterdings nicht widersetzen kann. Es ist die gefühlvolle Genauigkeit, die Präzision, mit der diese so unglaublich talentierte Autorin Szene für Szene aufbaut; ihre Fähigkeit, bei der Beschreibung zwischenmenschlicher Verbindungen und Spannungen stets ins Schwarze zu treffen und dabei noch neue, nie gelesene Bilder zu verwenden, die diesen Roman so einzigartig macht.„Auch jetzt wieder staune ich, wie verletzlich mich meine Liebe zu ihm mich macht, wie ganz und gar wehrlos.“
Vater des Regens
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