Karl-Heinz Riedle

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Karl-Heinz Riedle

21. März 2015 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


Im Interview mit Jörg Steinleitner holt Karl-Heinz Riedle die WM 1990 in Erinnerung: Geschichten von brisanten Elfern, Alpträumen und dem Wahnsinn Weltmeister zu werden.

 

Jörg Steinleitner:  Herr Riedle, am 9. Juni beginnt die Fußball-WM. Sie waren 1994 dabei und sind 1990 sogar Weltmeister geworden. Was fühlt ein ehemaliger Weltmeister, wenn eine WM und dazu noch im eigenen Land näher rückt?

Karl-Heinz Riedle:  Die ganze Euphorie wird alles schlagen, was bisher da war. Für uns war die WM in Italien damals ja schon der absolute Wahnsinn. Was hinzukommt: Von uns wird so eine Weltmeisterschaft im eigenen Land wahrscheinlich keiner mehr miterleben. Die WM vor der eigenen Haustür – das ist schon toll!

Jörg Steinleitner:  Wenn Sie Ihre WM-Teilnahmen vergleichen mit Ihren anderen großartigen Erfolgen – Deutsche Meisterschaften, Champions League und Weltpokal – welchen Stellenwert hat eine WM?

Karl-Heinz Riedle:  Weltmeister zu werden ist das Größte, was man erreichen kann im Fußball. Es gibt nichts Höheres!

Jörg Steinleitner:  1990 beim Elfmeter-Krimi im Halbfinale BRD – England traten Sie nach Brehme, Matthäus und den beiden britischen Spielern Lineker und Beardsley zum Elfmeterpunkt. Alle hatten bisher verwandelt. Was dachten Sie in diesem Augenblick – wollten Sie überhaupt schießen?

Karl-Heinz Riedle:  Es war damals so, dass der Beckenbauer nach Schützen gesucht hat. Ein paar haben sich aus dem Staub gemacht. Dann kam er zu mir. Ich hatte aber bis dahin noch nie einen Elfmeter in einem wichtigen Spiel geschossen. Das sagte ich ihm auch. Daraufhin ging er weiter zu Jürgen Kohler. Ich habe dann überlegt und bin schließlich zu ihm hin und habe gesagt: „Ich schieß’, ich mach’ ihn auch rein!“

Jörg Steinleitner:  Was ging direkt vor dem Schuss in Ihrem Kopf vor?

Karl-Heinz Riedle:  Dann habe ich nicht mehr viel gedacht. Ich habe mich auf die rechte obere Ecke konzentriert und nur noch da drauf gehalten.

Jörg Steinleitner:  Gab es in Ihrer Fußballerkarriere eine brisantere Strafstoßsituation als diese?

Karl-Heinz Riedle:  Nein, mit Sicherheit nicht. Ich habe in Italien bei Lazio Rom auch teilweise die Elfmeter geschossen, aber das war kein Vergleich zu dem, was da, bei der WM 1990, auf dem Spiel stand. Gut, selbst wenn ich ihn vorbei gehauen hätte, hätten wir wahrscheinlich trotzdem noch gewonnen, aber das kann man hinterher natürlich immer sagen.

Jörg Steinleitner:  Wie geht es einem hinterher? Erschöpfung? Erleichterung? Weitere Anspannung, weil der Ausgang des Spiels noch ungewiss ist?

Karl-Heinz Riedle:  Erleichterung natürlich. Du bist zwar kollektiv verantwortlich, aber in dem Moment bist du natürlich mit dir im Reinen, weil du nicht vorbeigeschossen hast. Wer vorbei schießt, ist ja doch der Depp der Nation. Da ist man dann etwas lockerer beim Zurücklaufen als beim Hinlaufen.

Jörg Steinleitner:  Träumen Sie nachts noch manchmal bestimmte Szenen aus Ihren legendären Spielen?

Karl-Heinz Riedle:  Nein, eigentlich gar nicht mehr. Als ich aktiv war schon hin und wieder – gerade nach Spielen, in denen ich eine Chance vergeben hatte. Diese Situation kam mir dann schon mal nachts – Mensch, das hätte ich so oder so machen müssen. Aber das war selten.

Jörg Steinleitner:  Als Sie noch für Deutschland stürmten, gab es neben „Air“ Riedle zwei weitere Spitzenstürmer in der Nationalelf: Rudi Völler und Jürgen Klinsmann. Hatten Sie untereinander einen Konkurrenzkampf?

Karl-Heinz Riedle:  Ja, der war hart, aber trotzdem auch fair. Wir waren Konkurrenten, aber jeder hat den anderen auch respektiert. Bis 1991 waren ja der Rudi und der Jürgen gesetzt. Ich habe dann irgendwann einen Angriff gemacht, ich glaube das war etwa 91, da habe ich gesagt, wenn ich es jetzt nicht schaffe, dann muss ich aufhören. Ab da war ich dann drin und Stammspieler für ein paar Jahre.

Jörg Steinleitner:  Völler WAR Bundestrainer, Klinsmann IST Bundestrainer – Sie sind derzeit im Vorstand der Grashoppers Zürich aktiv. Könnten Sie sich vorstellen, auch als Trainer, möglicherweise sogar einmal als Bundestrainer aktiv zu werden?

Karl-Heinz Riedle:  Nein, das kommt sicher für mich überhaupt nicht in Frage, das ist überhaupt nicht meine Ambition. Ich habe auch gar keinen Trainerschein. Ich sehe mich eher auf der Managerseite als auf der Seite des Trainers – rein vom Gefühl her.

Jörg Steinleitner:  Wie beurteilen Sie Klinsmanns Arbeit als Bundestrainer?

Karl-Heinz Riedle:  Was wir im Sommer beim Confed Cup gesehen haben, war mehr als positiv. Gut, danach gab es ein paar Länderspiele mit Kritik … Er hat viel probiert, aber jetzt muss er allmählich eine Linie und eine eingespielte Mannschaft finden. Aber ich sehe es positiv, er hat neuen Schwung rein gebracht durch seine positive Art.

Jörg Steinleitner:  Wir war Ihr Verhältnis als Spieler zu Franz Beckenbauer?

Karl-Heinz Riedle:  Einwandfrei. Das war eine Lichtgestalt für mich. Und als Trainer ein absolutes Highlight, allein schon von seiner Ausstrahlung her. Über Beckenbauer geht eigentlich gar nichts!

Jörg Steinleitner:  Die deutschen Nationalspieler befinden sich vor einer WM in einer wichtigen Saison. Wie spielt man da die Liga- und Champions League-Spiele – eher vorsichtig, um Verletzungen zu vermeiden – oder besonders aktiv, um einen Platz im Nationalteam zu erobern?

Karl-Heinz Riedle:  Mit 80 Prozent oder so zu spielen, dass man sich nicht verletzt, das darf man sowieso nicht machen. Es gehört Glück dazu, sich nicht zu verletzen. Klar kann es sein, dass man einen Monat vor der WM in einer ganz brenzligen Situation den Fuß kurz raus nimmt, aber nur, wenn es keine negativen Folgen fürs Spiel hat. Es geht darum, das Potenzial abzurufen. Wenn man halbherzig spielt, kann man sich seinen Platz im Nationalteam abschminken. Man sollte in der Saison vor der WM nicht so viel nachdenken über die WM!

Jörg Steinleitner:  Welchen aktuellen Nationalspieler schätzen Sie am meisten?

Karl-Heinz Riedle:  Michael Ballack und der Olli Kahn, die haben über Jahre Topleistungen gebracht und halten jeglichem Druck immer Stand. Wenn man sieht, wie der Olli hält oder wie Ballack trotz dem Theater um seinen Vertrag konstant blieb … Ballack kann, wenn er in Topform ist, der Star der WM werden. Wem ich auch eine große WM zutraue, das ist der Miroslav Klose. Von ihm halte ich sehr viel. Aber sein Abschneiden hängt sehr davon ab, wie sich die deutsche Mannschaft präsentiert. Wenn sie so wie beim Confed Cup knallhart nach vorne spielt, dann können die Stürmer auch zeigen, was sie können.

Jörg Steinleitner:  Sie sind nun häufiger als Experte für’s Fernsehen tätig. Wie werden Sie an der WM partizipieren?

Karl-Heinz Riedle:  Ich habe eine Anfrage vom Schweizer Fernsehen. Die wollen bei der WM jeden Tag eine Talkshow machen und wollen mich für einige Spiele. Vielleicht kucke ich mir ein paar Spiele auch live mit meinen Kindern an.

Jörg Steinleitner:  Herr Riedle, Sie betreiben in Oberstaufen im Allgäu auch ein Hotel – ist es ein Sport-Hotel?

Karl-Heinz Riedle:  Nein, es ist ein Viersterne-Hotel und daneben ist meine Fußballschule. Da veranstalten wir Eltern-Kind-Wochen. Wir haben heuer zehn Termine, zu denen wir Fußballcamps anbieten. Da können dann die Eltern bei uns im Hotel übernachten und die Kinder werden rundum versorgt.

Jörg Steinleitner:  Müssen die Kinder gute Fußballer sein?

Karl-Heinz Riedle:  Ein bisschen Fußballaffinität sollten sie schon haben, sie müssen aber nicht gut sein. Wir hatten auch schon Kinder da, die fast Anfänger waren. Das ist einfach Spaß und Ferienvergnügen.

Jörg Steinleitner:  Welches war Ihr glücklichster Augenblick in Ihrem Fußballerleben?

Karl-Heinz Riedle:  Das waren zwei: Für mich persönlich war es die Champions League 1997 mit dem BVB, weil ich im Finale mit zwei Toren zum Sieg beigetragen habe. Und dann natürlich die Weltmeisterschaft 1990 – mit einem kleinen Abstrich – weil ich im Finale nicht gespielt habe.

Jörg Steinleitner:  Herr Riedle, vielen Dank für das Gespräch.

Karl-Heinz Riedle

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