Jobst Schlennstedt: Ein Fall, knallhart an der Wahrheit erzählt

Jobst Schlennstedt: Ein Fall, knallhart an der Wahrheit erzählt

21. Dezember 2015 | Interview: Jörg Steinleitner


Herr Schlennstedt, Sie schreiben Bücher in atemberaubendem Tempo – mindestens zwei pro Jahr. Dabei sind Sie hauptberuflich Geschäftsführer eines Lübecker Beratungsunternehmens. Wie machen Sie das nur?

Alles eine Frage der eigenen Logistik. – Nein, im Ernst: Besonders in der heißen Phase des Schreibens kurz vor Manuskriptabgabe ist das schon ein Spagat. Tagsüber bin ich in meinem Hauptjob stark eingebunden, habe viele Termine in ganz Norddeutschland. Zu Hause wird dann jedoch in jeder freien Minute geschrieben. Als Ehemann und Vater zweier Kinder sind diese freien Minuten allerdings rar gesät. Meistens schreibe ich zwischen neun und zwölf Uhr abends.

Nicht selten denke ich mir dann, dass zwei Bücher im Jahr vielleicht doch zu viel sind. Die ersten Tage nach der Abgabe eines Manuskripts schiebe ich alle Gedanken an das nächste Buch beiseite, aber nach drei bis vier Wochen juckt es schon wieder in den Fingern. Dann kommen mir wieder Ideen, wie ich die Geschichten um meine Protagonisten vorantreiben kann. Und recht schnell entsteht auch ein neuer Kriminalfall in meinem Kopf.

Ihr aktueller Roman „Lübeck im Visier“ spielt im spannenden Milieu der Seefahrt und Reedereien. Ließ man Sie da so einfach herumschnüffeln?

Schifffahrt und das ganze Hafenmilieu ist Teil meines Jobs als Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens für die Hafen- und die Logistikwirtschaft. Ich kenne viele Hafenverantwortliche und Reeder, mit denen man sich tagtäglich austauschen kann. Aber auch privat interessiert mich das Thema Schifffahrt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten sehr stark.

Dann hat Ihnen Ihr Beruf viele Türen geöffnet?

Aufgrund meines Berufs habe ich tiefe Einblicke in das gesamte Business, das hat mir bei „Lübeck im Visier“ sehr geholfen. Im speziellen Fall des Untergangs der „MS Estonia“ habe ich aber noch viel tiefer recherchiert als üblich. Der Untergang hat mich schon immer stark interessiert, weil es mir nach wie vor unmöglich erscheint, dass ein solches Schiff durch einen Sturm seine Bugklappe verliert und binnen kürzester Zeit untergeht. Ich habe viele Bücher zu diesem Thema gelesen und wochenlang im Internet recherchiert.

Sie entwickeln in „Lübeck im Visier“ eine unerhörte Verschwörungsgeschichte über den Untergang der Fähre MS Estonia, in deren Mittelpunkt ein Atommüllskandal steht. Wieviel Wahrheit ist dran an Ihrer haarsträubenden These?

Das ist eine Frage, die jeder Leser für sich selbst beantworten muss. Meine Geschichte ist natürlich fiktiv, aber es ist kein Geheimnis, dass in deutschen Atommülllagern Fässer vor sich hin rosten und Betreiber von AKWs Lösungen finden müssen. Genauso ist bekannt, dass beispielsweise im Ärmelkanal bereits Atommüllfässer am Meeresgrund gefunden wurden. Ich halte das Szenario für absolut denkbar und leider auch realistisch. In dem Fall, den ich in meinem Buch beschreibe, gibt es aber keine Beweise oder konkreten Verdachtsmomente. Mir ging es mehr darum, auf die Problematik der Entsorgung der Fässer und möglicher skrupelloser unternehmerischer Praktiken aufmerksam zu machen. Das Ganze verpackt in einen fiktiven Kriminalfall.

Sie nennen in Ihrem Werk Ross und Reiter beim Namen. Haben Sie wegen des Buchs bereits selbst Drohungen bekommen? Einem zentralen Zeugen in Ihrer Geschichte wird sein Wissen ja zum Verhängnis …

Ich habe in der Vergangenheit bereits über christlichen Fanatismus und Rechtsradikalismus geschrieben. Bei Lesungen gab es hier zum Teil schon Reaktionen aus dem Publikum, die ich so nicht erwartet hatte. Beispielsweise die Frage, ob ich mit meinen Themen nicht Menschen dazu verleiten könnte, die Verbrechen, die ich beschreibe, nachzuahmen. Das halte ich jedoch für unrealistisch. Im Gegenteil, letztlich schreibe ich über Vorfälle, die ich mir nicht ausschließlich ausdenke, sondern tatsächlich begangen wurden. Die Realität ist weitaus „schlimmer“, als meine Lektorin mir zugestehen würde.

Und wie sind die Reaktionen bei „Lübeck im Visier“?

Sie zeigen mir, dass ich das Vorstellungsvermögen meiner Leser nicht überreizt habe. Aber natürlich bleibt bei solch heiklen Themen auch immer eine Restunsicherheit, wer sich womöglich direkt angesprochen fühlt. Bislang hat sich allerdings noch niemand bei mir gemeldet.

Warum schreiben Sie Romane?

Eine schwierige Frage, die ich mir auch gelegentlich stelle. Wahrscheinlich ist die Antwort aber recht einfach: Ich möchte Geschichten erzählen. Geschichten, die spannend sind und gleichzeitig auch noch gesellschaftliche Themen aufgreifen. Ohne dabei jedoch allzu sehr die moralische Keule zu schwingen und belehrend zu wirken. Außerdem reizt es mich, die Stories um meine Protagonisten über eine längere Zeit zu entwickeln. Früher haben mich dabei vor allem skandinavische und britische Buchreihen inspiriert, heute sind es eher amerikanische, britische oder skandinavische TV-Serien. Um es aber kurz zu machen: Ich habe Geschichten in meinem Kopf und die müssen raus.

Was ist das Schönste an der Arbeit des Buchautors – und was das Schrecklichste?

Schön ist die erste Phase eines neuen Buchs, das Durchdenken eines Falls, die Geschichte zu stricken, das Ganze in einem Exposé zusammenzufassen. Irgendwann kommt dann die anstrengende Phase, wenn das Buch geschrieben werden muss. Kurz vor dem Ende kommt dann die Erleichterung, dass man es doch wieder schaffen wird und alle losen Fäden zueinander finden. Und wenn man dann das erste Belegexemplar in den Händen hält, ist es jedes Mal aufs Neue wieder ein unbeschreibliches Gefühl. – Das Schrecklichste für mich ist die Ungewissheit, wie das Buch beim Leser ankommen wird. Sechs Monate arbeite ich an einem Manuskript ohne ein Feedback zu bekommen – und dann lässt man es einfach los. Man fühlt sich bisweilen hilflos, in der vagen Hoffnung, dass man etwas Gutes geschrieben hat.

Welches Buch, das nicht von Ihnen ist, werden Sie zu Weihnachten verschenken und weshalb?

Die Bücher, die ich dieses Jahr verschenke, sind ausschließlich Kinderbücher. Für mich und hoffentlich auch für meine Kinder ist Lesen und in Geschichten einzutauchen einfach das Schönste.

Jobst Schlennsted

Jobst Schlennstedt über den Untergang der MS Estonia, die Schrecken des Autoren-Daseins und eine krude Verschwörungstheorie. Geboren 1976 in Herford, studierte Jobst Schlennstedt Geografie an der Universität Bayreuth. Seit Anfang…
Zur Biografie von Jobst Schlennsted

Jobst Schlennsted

Jobst Schlennstedt über den Untergang der MS Estonia, die Schrecken des Autoren-Daseins und eine krude Verschwörungstheorie. Geboren 1976 in Herford, studierte Jobst Schlennstedt Geografie an der Universität Bayreuth. Seit Anfang…
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