Harald Lesch

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Harald Lesch

22. Mai 2014 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


Von Schwarzen Löchern und anderen Skandalen. Professor Harald Lesch und sein Team haben die Physik so komprimiert, dass sie in jede Westentasche passt.

 

Jörg Steinleitner:  Herr Professor Lesch, Ihr Hörbuch heißt „Physik für die Westentasche“ – jetzt sagen Sie mal ganz ehrlich: Ist die Physik nicht viel zu kompliziert, als dass sie in eine Westentasche passen würde?

Prof. Dr. Harald Lesch:  Na ja, man fängt ja immer erst mal klein an. Was wir mit diesem Hörbuch wollten, ist wieder Appetit zu machen. Physik hat den Ruf, dass es kein Mensch verstehen könne. Physik leidet unter einem schlechten Image. Und wir wollten ein Hörbuch machen, in das man kurz hineinhören kann und das man dann wieder ausschalten kann. Wenn man mehr wissen will, muss man sich natürlich ein dickeres Buch kaufen.

Jörg Steinleitner:  Braucht man, um Ihr Hörbuch zu verstehen, ein Abitur mit Leistungskurs Physik? Wer kommt als Hörer dafür in Frage?

Prof. Dr. Harald Lesch:  Alle. Das Buch ist so geschrieben, dass es möglichst viele unterschiedliche Menschen anhören können, ohne das Gefühl zu haben – so jetzt hat er mich abgehängt. Es ist ein Volksbuch.

Jörg Steinleitner:  Viele Menschen haben das Vorurteil, dass Physik ein unverständliches und langweiliges, außerdem noch wirklichkeitsfernes Fach ist. Das können Sie vermutlich nicht bestätigen?

Prof. Dr. Harald Lesch:  Wow, Wahnsinn, da ist es aber mit meinem Humor zu Ende! (lacht) Wenn man das 20. und 21. Jahrhundert beschreiben will, dann gibt es fast keine Entdeckung, an der nicht in irgendeiner Weise die Physik beteiligt gewesen wäre – von der Altersdatierung von Mumien bis zu allen, die sich in ihrem Auto von GPS navigieren lassen. Ich kenne keine andere Wissenschaft, die so durchgegriffen hat.

Jörg Steinleitner:  Also wird die Physik zu wenig wertgeschätzt?

Prof. Dr. Harald Lesch:  Natürlich! Sie ist die Rechtsprechung der Natur. Sie versucht, Regelmäßigkeiten in der Natur zu finden, um sie dann auch mechanisch anzuwenden. Nehmen Sie die medizinischen Bildgebungsverfahren, mit denen man kleine Tumore finden kann. Das geht nur weil man vor 80 Jahren mit der Quantenmechanik angefangen hat.

Jörg Steinleitner:  Der Beginn …

Prof. Dr. Harald Lesch:  … der modernen Physik. Es ist ein Skandal, dass man wissen muss, wer Marc Chagall war, aber dass man nicht den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik kennt: Dass nämlich alles einer gewissen Unordnung zustrebt. Wenn wir heutzutage zu einer Vernissage gehen, dann treffen wir auf Leute, die die Nase rümpfen, wenn man sagt, man sei Physiker. Dann wird damit kokettiert, man habe mit Mathematik ganz früh aufgehört. Es ist skandalös, dass man nicht versteht, dass zu unserer westlichen Kultur die Naturwissenschaften dazu gehören. Und Physik ist die härteste. Deswegen gibt es jetzt dieses schöne Hörbuch.

Jörg Steinleitner:  Nach welchen Kriterien haben Sie das Westentaschen-Wissen ausgewählt?

Prof. Dr. Harald Lesch:  Wir haben versucht, die 50 wichtigsten Begriffe rauszuholen. Da sind auch Sachen dabei, die der Otto-Normalverbraucher nicht kennt, z.B. Entropie, ein Maß für das Fehlen von Information. Es geht ja immer mehr Information verloren und das beschreiben wir auf unserem Hörbuch anhand eines verwelkenden Blumenstraußes. Außerdem erklären wir wichtige Themen des Alltags: den Laser beim Augenarzt oder beim CD-Spieler – das ist Quantenmechanik vom Allerfeinsten. Wir decken die ganze Bandbreite von der tiefen Grundlagenforschung bis zur ganz klaren Anwendung in der Technologie ab. Unser Buch ist ein Appetizer – wie wenn man in einer Weinhandlung einen Probierkarton mit sechs verschiedenen Weinen kauft und probiert.

Jörg Steinleitner:  Als Mitautoren nennen Sie „das Quot-Team“ – wer ist das und weshalb „Quot“?

Prof. Dr. Harald Lesch:  Wir hatten alle Word-Texte und aufgrund eines blöden Fehlers tauchte immer das Wort „Quot“ auf. Das Team besteht aus Studenten meiner Tutorien in der theoretischen Astrophysik an der Universität München. Etliche von ihnen haben inzwischen Diplomarbeit gemacht und viele schreiben an ihrer Doktorarbeit. Die Arbeit an „Physik für die Westentasche“ hat einigen sogar schon geholfen, Jobs zu finden. Ich kann allen Kollegen nur empfehlen: Schreibt mit euren Studenten solche Bücher! Die sind die Experten für so ein Thema.

Jörg Steinleitner:  Sie sind kein typischer Professor, dem es nur um seine eigenen Publikationen geht …

Prof. Dr. Harald Lesch:  … ich setze Himmel und Hölle in Bewegung dafür, dass möglichst viele meiner Studenten auch Professoren werden.

Jörg Steinleitner:  Neben Ihrer Arbeit als Astrophysik-Professor, sind Sie auch noch Professor für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie und Moderator der Fernsehsendung Alpha-Centauri des Bayerischen Rundfunks. Was macht so ein Astrophysiker den ganzen Tag – oder sind Sie wegen der Sterne hauptsächlich nachts aktiv?

Prof. Dr. Harald Lesch:  Ich bin Theoriker, d.h. ich schlafe nachts. Ich bin viel zu faul, um beobachtende Astronomie zu machen. Ich rechne. Ich versuche, die Dinge, die am Himmel beobachtet werden, in mathematische Formeln zu fassen. Ich beschäftige mich mit Schwarzen Löchern oder damit, woher unser Wasser kommt.

Jörg Steinleitner:  Wovon träumt einer wie Sie – ich meine natürlich rein wissenschaftlich?

Prof. Dr. Harald Lesch:  Dass wir eines Tages einen klaren Beobachtungshinweis dafür bekommen, dass es noch Leben im Universum gibt, außerhalb der Erde. Zum Beispiel wenn man irgendwo Ozon fände, wäre das ein wichtiger Hinweis, dass Biologie da ist. Ich träume jetzt nicht direkt davon, dass UFOs bei uns landen, aber wenn es irgendwo Sauerstoff gäbe, das wäre ein sehr tröstlicher Gedanke.

Jörg Steinleitner:  Jetzt lassen Sie uns doch noch ganz konkret ins Fach einsteigen: Es gibt einen Begriff aus der Physik, dem man häufig in unphysikalischen Zusammenhängen begegnet. Ich meine das „Schwarze Loch“. Was ist das eigentlich?

Prof. Dr. Harald Lesch:  Das ist ein Stück Masse, das auf so kleinem Raum zusammengepresst ist, dass sich nichts mehr von ihm entfernen kann. Die Erdmasse zum Beispiel müsste auf unter einen Zentimeter zusammengepresst werden, um zu einem Schwarzen Loch zu werden. Da sieht man, welche Kräfte da am Werk sind.

Jörg Steinleitner:  Also wird das Wort eigentlich meist falsch verwendet – wenn wir beispielsweise von Geldern sprechen, die in Schwarzen Löchern verschwinden?

Prof. Dr. Harald Lesch:  (lacht) In diesem Zusammenhang ist es sogar fast richtig. Aber die Entweichgeschwindigkeit des Geldes ist in diesem Fall wohl einfach nicht groß genug, um wieder aus dem Schwarzen Loch herauszukommen. Aber der Begriff in der Physik entstammt der Relativitätstheorie und beschreibt die Kompaktheit einer Masse – das Verhältnis von M zu r.

Jörg Steinleitner:  Und „Quarks“ ist nicht die Mehrzahl des Milchprodukts?

Prof. Dr. Harald Lesch:  Das ist ein Teilchen eines Teilchens. Es ist das kleinste Teilchen, das wir zur Zeit kennen. Es tritt nie allein auf, immer nur in Paaren. Wir Menschen bestehen aus Quarks. Da sind wir wissenschaftlich auf ziemlich festem Grund. Die Quarks sind ja zunächst eine theoretische Vorhersage gewesen und erst dann wurden sie in der Wirklichkeit gefunden. Das macht diese Theorie sehr stark.

Jörg Steinleitner:  Herr Professor Lesch, vielen Dank für das Gespräch!

Harald Lesch

Harald Lesch, geboren 1960 in Gießen, ist Professor für Theoretische Astrophysik am Institut für Astronomie und Astrophysik der Universität München, Fachgutachter für Astrophysik bei der DFG und Mitglied der Astronomischen…
Zur Biografie von Harald Lesch

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