Eva Mattes

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Eva Mattes

1. März 2014 | Interview: Jörg Steinleitner | Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


Tatort-Kommissarin Eva Mattes über das Kraftwerk Kinski, Nacktheit und ihr unerhört gutes neues Hörbuch „Du stirbst nicht“.

 

Jörg Steinleitner:  Frau Mattes, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem großartigen Hörbuch „Du stirbst nicht“! Sie treffen genau den Ton von Kathrin Schmidts brillantem Text. Mussten Sie lange nachdenken, ehe Sie zusagten, dieses Projekt zu verwirklichen?

Eva Mattes:  Nein, keine Sekunde. Denn ich hatte ja bereits eine sehr besondere Verbindung zu Kathrin Schmidt: Ungefähr vor zehn Jahren bekam ich einen Anruf, ob ich bei einer Lesung einspringen könnte, weil der Autorin eben ein Blutgefäß im Kopf geplatzt sei und sie unter lebensbedrohlichen Umständen ins Krankenhaus gekommen sei. Diese Autorin war Kathrin Schmidt. Und natürlich bin ich da eingesprungen. Und als ich jetzt gefragt wurde, ob ich Du stirbst nicht mache, habe ich sofort zugesagt.

Jörg Steinleitner:  Sie machen relativ viele Hörbücher. Was ist Ihnen wichtig, wenn es um ein neues Projekt geht?

Eva Mattes:  Das ist schwer zu sagen. So etwas wie „Du stirbst nicht“, das zieht mich natürlich schon an, weil das ein sehr persönlicher Stoff ist und ein persönlicher Ton. Solche Texte sprechen sich für mich gut. Solche Texte mag ich gerne. Da kann ich dann auch persönlich bleiben.

Jörg Steinleitner:  Wie finden Sie die richtige Melodie für einen Text – intuitiv? Oder treffen Sie eine ganz rationale Entscheidung?

Eva Mattes:  Das ist eine Mischung aus beidem. Wenn ich das Buch zum ersten Mal lese, dann erspüre ich schon sehr schnell, was es für ein Ton sein soll. Und in diesem Fall habe ich auch bald gedacht, dass es gut wäre, diese innere Stimme der Frau, die nach einer Gehirnblutung aus dem Koma erwacht und nichts sagen, sich nicht bewegen kann, lebendig zu machen, ihr so die Schwere zu nehmen.

Jörg Steinleitner:  Das ist ja das Geniale an Kathrin Schmidts Buch – dass es von einem schrecklichen Ereignis erzählt, aber mit so viel Humor! Und die Heldin Helene Wesendahl ist einem dabei durchwegs sympathisch.

Eva Mattes:  Und sie ist ja auch so lustig und frisch auf eine gewisse Weise. Sie hat zwar keine Kontrolle über ihren Körper, aber sie wirkt frisch. Das fiel mir gleich auf und da habe ich gedacht: Das muss es sein beim Sprechen. Diese Musikalität muss mein Hörbuch auch haben.

Jörg Steinleitner:  Brauchen Sie eine aufwendige Vorbereitung oder lesen Sie solch einen Text praktisch vom Blatt?

Eva Mattes:  Ja, ich lese das fast vom Blatt. Natürlich lese ich das Buch vorher einmal durch. Oft auch nicht nur die manchmal kürzere Hörbuchfassung, sondern den kompletten Roman. Das habe ich bei „Du stirbst nicht“ auch beinahe geschafft, obwohl ich zu dieser Zeit jeden Abend in Hamburg Theater gespielt habe, in „Arsen und Spitzenhäubchen„.

Jörg Steinleitner:  Und tagsüber haben Sie …

Eva Mattes:  Habe ich das Hörbuch eingesprochen. Das ging aber ziemlich flott – anfangs ist der Roman ja eher einfach und klar geschrieben, er wird dann allerdings immer komplizierter; zu diesem Zeitpunkt war ich aber schon so tief im Thema, es war mir so nah und so vertraut, dass es sich dann auch weiterhin für mich gut gesprochen hat. Es ist halt auch ein Zeichen dafür, dass es hervorragend geschrieben ist, wenn man es gut sprechen kann.

Jörg Steinleitner:  Stimmt es eigentlich, dass Sie als Kind Pippi Langstrumpf-Filme synchronisiert haben?

Eva Mattes:  Ja, in der Fernsehserie hat die Pippi meine Stimme. Im Kinofilm spreche ich den Tommy. Da war ich ungefähr vierzehn.

Jörg Steinleitner:  War Ihnen bewusst, dass Sie hier an einem Film mitwirken, der über Jahrzehnte hinweg Kinder begeistern würde?

Eva Mattes:  Pippi Langstrumpf war schon etwas Besonderes für mich. Ich hatte aber ja vorher schon 250 Folgen „Lassie“ synchronisiert.

Jörg Steinleitner:  Später, als erwachsene Schauspielerin haben Sie dann mit Größen wie Peter Zadek, Werner Herzog, Klaus Kinski und Rainer Werner Fassbinder gearbeitet. Eine Schauspielausbildung haben Sie aber nie absolviert. Hat sie das je gestört?

Eva Mattes:  Nein, gar nicht.

Jörg Steinleitner:  Ist die Schauspielerei ein Beruf, den man gar nicht unbedingt lernen muss, sondern man kann ihn oder man kann ihn nicht?

Eva Mattes:  Das ist nicht so einfach zu sagen. Ich denke schon, dass man vieles lernen kann. Ich habe halt auch sehr viel auf der Bühne und in der Praxis gelernt. Und viele Regisseure, also besonders Peter Zadek, empfanden es als einen Vorteil, dass ich nicht auf der Schauspielschule war, ich war nicht verbildet.

Jörg Steinleitner:  War Klaus Kinski ein schwieriger Kollege?

Eva Mattes:  Für mich überhaupt nicht. Im Gegenteil.

Jörg Steinleitner:  Das widerspricht so ganz dem Eindruck, den man von ihm bekommen hat.

Eva Mattes:  Schon, aber das war ein hochprofessioneller Schauspieler, der sich nur manchmal künstlich über irgendetwas aufgeregt hat. Und meistens hat er die Menschen angegiftet, die vor ihm Angst hatten. Also irgendwie musste der wahrscheinlich manchmal Stress abbauen.

Jörg Steinleitner:  Sie hatten nie Angst vor ihm?

Eva Mattes:  Nie. Als ich mit Kinski „Woyzeck“ drehte, da war er ganz zahm. Er hatte immer sofort erkannt, wenn er jemand Professionelles vor sich hatte. Ja, wir konnten richtig gut zusammenarbeiten. Der war ein Kraftwerk … da war man angeschlossen wie an die Steckdose. Der zog einen einfach mit; und ich war ja genauso besessen von der Arbeit wie er. Da haben wir uns ganz gut getroffen.

Jörg Steinleitner:  Noch einmal zu Ihrem Hörbuch: Haben Sie je etwas Ähnliches erlebt, wie Kathrin Schmidts Protagonistin, die im Krankenhaus erwacht und sich in winzigen Schritten ins Leben zurückkämpft?

Eva Mattes:  Zum Glück nicht.

Jörg Steinleitner:  Hat für Sie Krankheit irgendeinen Sinn im Leben?

Eva Mattes:  Ich denke schon. Man weiß ja von Menschen, die solche Schicksalsschläge erlebt haben, dass viele ihr Leben komplett verändert haben. Und zwar zum Positiven, zum Glücklichen hin. Nach einem derartigen Bruch erkennt man, wie wertvoll das Leben überhaupt ist.

Jörg Steinleitner:  Ist Ihnen Helene vertraut? Würden Sie ähnlich fühlen wie sie, wenn Sie in einer ähnlichen Situation wären?

Eva Mattes:  Das kann ich ja nicht wissen!

Jörg Steinleitner:  Wenn Sie mal mutmaßen?

Eva Mattes:  Sagen wir es mal so: Kathrin Schmidt hat das wirklich so gut geschrieben, dass ich glaube, dass es genau so ist. Helene liegt da in ihrem Bett und kann nur ein Auge ein ganz kleines bisschen öffnen, und innen, in ihr drin ist alles lebendig. Sie hört alles, fühlt alles, aber sie fragt sich, was ist hier eigentlich los? … Meine Schwester lag mal sieben Wochen im künstlichen Koma. Und die hat anschließend erzählt, dass sie, als sie aufwachte, dachte, es sei jetzt direkt nach der Operation. Es war aber sieben Wochen später. Und sie konnte sich an nichts erinnern, außer an zwei Träume.

Jörg Steinleitner:  Früher drehten Sie provokante Filme – 1972 den Fassbinder-Streifen „Wildwechsel“, in dem sie meist nackt zu sehen sind. Von dort zu Kathrin Schmidts psychologischem Roman ist es ein weiter Weg. Würden Sie heute einen solchen Film noch drehen oder waren Sie damals einfach eine wilde junge Frau in einer verrückten Zeit?

Eva Mattes:  (lacht) Ich war vor allem eine junge Frau, die gerne mit den besten Filmemachern zusammenarbeiten wollte. Ich wollte scharfe Sachen machen, gute Sachen. Und wenn es dafür erforderlich war, nackt zu sein, dann war ich halt nackt.

Jörg Steinleitner:  Frau Mattes, vielen Dank für das Gespräch.

Eva Mattes

Eva Mattes kam 1954 am Tergernsee zur Welt. Schon als Schülerin wandte sie sich der Medienwelt zu, allerdings nicht als Schauspielerin. Sie beschäftigte sich mit Sprech- und Atemtechnik und trat…
Zur Biografie von Eva Mattes

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