Melanie Bottke: Auf leeren Seiten. Buchkritik | BUCHSZENE

Warnhinweis: Allen Freunden von Melanie Bottke wird von der Lektüre von Frau Bluhms Rezension zu „Auf leeren Seiten“ eindringlich abgeraten. Alle anderen sollten sie aus Selbstschutz unbedingt lesen.

Melanie Bottkes „Auf leeren Seiten“ ist der Debütroman der Autorin

13. März 2019 | Kolumne: Von Frau Bluhm

Titelbild Auf leeren Seiten

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Frau Bluhm liest „Auf leeren Seiten“: 1 von 5 Blu(h)men


Was als weiterbildende Erfahrung beginnt, wird zum Albtraum

Der Plot ist schnell erzählt: zehn angehende Schriftsteller, sieben Tage, eine Katastrophe. Gemeinsam mit neun anderen macht Nachwuchsautorin Bianka eine Workshop-Erfahrung der ganz besonderen Art. Vom Verlag herausgepickt, wird sie gemeinsam mit neun anderen Autoren eingeladen, in einem einwöchigen Intensivkurs die eigene Schreibkunst zu verbessern und gemeinsam neue Ideen für ihre Werke zu entwickeln. Landschulheim-Atmosphäre ab Tag eins. Zehn Fremde, alle im Alter zwischen 20 und 40, eingesperrt im Nirgendwo, keine andere Beschäftigungsmöglichkeit als miteinander. Was anfangs als weiterbildende Erfahrung daherkommt, entwickelt sich schon bald zum Albtraum, als die von allen Teilnehmern gesponnen Fäden sich zu einem unübersichtlichen Knäul von Intrige und menschlichem Abgrund verstricken.

Warum lässt Melanie Bottke ihre Sprachfertigkeit ungenutzt?

Apropos Abgrund: Was im Klappentext noch als anregende und spannende Storyline anmutet, entpuppt sich in Wahrheit als eine ganz besonders merkwürdige Form von Konstruktion. Die von Melanie Bottke als Buch im Buch im Buch angelegte Storyline entwickelt sich zunehmend als Matrjoschka der ganz besonderen Ab-Art. Jede Story, die man aus der größeren Story zieht, stellt sich als noch missratener und deformierter heraus als die vorhergehende. Einzig und allein die Geschichte, die Autor Dennis über den psychopathischen Theo schreibt, und die als Einschub immer mal wieder im Fließtext der eigentlichen Geschichte zu finden ist, besitzt so etwas wie einen Spannungsbogen und sprachliche Hochwertigkeit, welche den „Bock“ am Ende leider auch nicht fett macht, sondern nur noch größer. Man stellt sich nämlich stirnrunzelnd die Frage: Warum besitzt Melanie Bottke die Fähigkeit zu sprachlich hochwertiger Darstellung und lässt sie über den Großteil ihres Erstlingswerkes ungenutzt? Falls dies ein von der Autorin gezielt eingesetztes Stilmittel sein sollte, dann ging bei mir der Schuss eindeutig weit am Bull‘s-Eye vorbei.

Testosterongesteuerte, hirnerweichte Halbstarke

Die doch im Alter von 20 bis 40 durchaus erwachsen zu nennenden Protagonisten kommunizieren miteinander wie testosterongesteuerte und hirnerweichte Halbstarke, vom Verhalten der Hauptprotagonistin Bianka, die immerhin 32 ist, will ich noch nicht mal anfangen. Man könnte meinen, man hätte es während des gesamten Romans mit dem Cast einer schlecht besetzten Teenie-Telenovela zu tun, und nicht mit angehenden Schriftstellern. Stetig strömende und deplatziert eingesetzte Anglizismen unterstützen dieses geistlose Lesephänomen zusätzlich. Doch selbst wenn es mal eine Seite gibt, die nicht mit völligem Jugendslang-Kauderwelsch vollgesuppt ist, dann gibt es immer noch die grundsätzlich weit auseinanderklaffende Schere der sprachlichen Darstellung, die nichts anderes vermuten lässt, als dass der Stil der Autorin gut sein könnte, es aber leider nicht ist. Einerseits legt sie ihrer Protagonistin wirklich schöne und poetische Gedanken in den Kopf, lässt sie dann aber wieder zu ihrem „Notizi“ greifen (oh ja, damit ist ein Notizbuch gemeint!) und von dem „süßen Jungen“ Dennis träumen.

Es gibt die Sexbombe, den Nerd, die Dicke und den Sonnyboy

Der Plot selbst ist absolut überkonstruiert und Schubladendenken im Reinformat. Die ganze Gruppe der Schriftsteller ist aufgebaut wie aus dem Lehrbuch für geistlose Teenie-Highschool-Filme (falls es sowas geben sollte). Es gibt die allzeit verfügbare, coole Sexbombe, den Nerd, die kleine Dicke, den mysteriösen, gutaussehenden Frauenschwarm, den Musiker, den Sonnyboy und die verwechselbaren Freundinnen. Und mittendrin Bianka, über deren eigene literarischen Ambitionen man übrigens überhaupt nichts erfährt, die sich aber dazu bemüßigt fühlt, dem Geheimnis der Gruppe auf den Grund zu gehen und sich mit dem „Notizi“ auf den Weg begibt um selbsternannt Sherlock Holmes zu spielen.

Es schmerzt mich, aber dieser Roman ist leider nicht gelungen

Welches Geheimnis, frage ich mich, welches Geheimnis bergen Protagonisten, die scherenschnitthaft zusammenmontiert wurden und damit zwangsläufig weder Spannung aufkommen lassen, noch Interesse wecken können? Es beschleicht einen der Verdacht, Melanie Bottke hätte an zehn Nachmittagen auf Notizzettelchen möglichst diverse Personen (nicht Charaktere) ersonnen, um diese dann inbrünstig, aber undurchdacht in einem Potpourri der Unzulänglichkeiten zusammenzuwerfen und sich selbst zu überlassen. Dies alles getarnt unter dem Genre „Mystery-Thriller“. Für mich wäre das einzig Mysteriöse an diesem Roman, wenn Melanie Bottke dafür eine begeisterte Leserschaft fände. 315 Seiten voller sprachlicher Wunder wie: „Brianna war eine Pferdenärrin mit einem Blick so kalt wie das Eismeer und Kurven so heiß wie vulkanene Glut“, eingeflochten in einen Fließtext, der eigentlich gar nicht als solcher bezeichnet werden dürfte, weil er zu 90 Prozent aus Sätzen besteht, die größtenteils noch nicht mal sechs Wörter haben, sind allerhöchstens für Sprachmasochisten die 16,90 Euro wert, die es kosten soll. „Auf leeren Seiten“ ist nicht nur der Titel dieses literarischen Debüts, sondern auch die Devise. Es sind bedruckte Seiten mit endloser Leere. Selbst zwischen den Zeilen stößt man lediglich auf Abgründe des Nichts. Die Grundidee ist dabei nicht wirklich die Quelle allen Übels. In kompetenten Händen hätte diese Geschichte ganz sicher mühelos „leere Seiten“ füllen können.

Frau Bluhm

Geboren 1984 in Aschaffenburg als Katharina Bluhm, studierte Frau Bluhm Psychologie und wurde nach dem Studium Erzieherin. Als BUCHSZENE.DE-Kolumnistin entdeckt wurde sie wegen ihrer so sympathischen wie zutreffenden Rezensionen auf Lovelybooks.


Zur Biografie von Frau Bluhm


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