Poetisch und berührend: Der Buchspazierer. Buchtipp | BUCHSZENE.DE

Der Buchspazierer beliefert seine Kund*innen mit passgenauen Glücksbüchern. Eines Tages begegnet er einem merkwürdigen Mädchen. Carsten Henns „Der Buchspazierer“ ist ein schöner, verträumter Roman.

Carsten Henns Roman „Der Buchspazierer“ ist poetisch und berührend

11. Januar 2021 | Stephanie Pointner

Titelbild Der Buchspazierer

©Elena Schweitzer shutterstock-ID 251909869

Als Buchspazierer versorgt Carl Kolhoff seine Kunden mit Büchern

Carl Kolhoff ist ein alter Mann, der außer seinen geliebten Büchern und seiner Arbeit als Buchhändler kaum Freuden im Leben hat. Er ist alleinstehend und sein einziger Freund ist sein früherer Arbeitgeber, welcher allerdings im Sterben liegt. Umso wichtiger sind Carl seine ganz besonderen Kunden, zu welchen er nach Geschäftsschluss spaziert, um sie mit ausgewählten Büchern zu versorgen. Diese Kunden sind für Carl fast wie Freunde, die er nach Romanfiguren benennt. Carl genießt die täglichen Kontakte mit ihnen.

Eines Tages begegnet er dem sonderbaren Mädchen Schascha

Eines Tages gesellt sich ein kleines Mädchen namens Schascha zum Buchspazierer und begleitet ihn gegen seinen Willen von da an auf seiner täglichen Tour. Schascha gewinnt mit ihrem strahlenden Lächeln und ihrer quirligen Art schnell das Herz der Kunden, aber auch Carl schließt das Mädchen immer mehr ins Herz und genießt die gemeinsamen Spaziergänge. Durch Schaschas offene Art und ihre direkten Fragen geben die Stammkunden immer mehr aus ihrem Leben preis. Dadurch erfährt Carl, dass viele von ihnen große Sorgen und Ängste haben: Effi beispielsweise ist Opfer von häuslicher Gewalt, Mr Darcey ist einsam und Frau Langstrumpf fehlt eine sinnstiftende Aufgabe in ihrem Leben. Schascha nimmt sich in ihrer kindlichen Naivität vor, die Lebensumstände aller Kunden zu ändern. Gemeinsam mit Carl gelingt ihr dies mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Schicksalsschläge rauben Carl die Lebenslust – er wird zum Glückssucher

Doch dann treffen Carl einige Schicksalsschläge, die ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Sein bester und vermeintlich einziger Freund stirbt, die Buchhandlung entlässt ihn, er muss seine geliebten Bücher verkaufen, er verletzt sich schwer und Schascha verschwindet auch. Carl sieht keinen Sinn mehr im Leben und zieht sich in seine Wohnung zurück, um ganz in Ruhe und alleine auf den Tod zuwarten. Doch dann muss er feststellen, dass man durch die Macht der Bücher und mithilfe anderer Menschen das Glück im Leben wiederfinden kann.

„Der Buchspazierer“ ist ein einfühlsamer und poetischer Roman

Carsten Henns „Der Buchspazierer“ ist ein bezaubernder und gefühlsbetonter Roman. Stellenweise ist die Geschichte etwas kitschig und rührselig, aber dennoch taucht man gerne in sie ein und begleitet Carl auf seiner täglichen Buchspazierer-Runde. Durch den lockeren und stellenweise poetischen Schreibstil entsteht eine berührende und melancholische Stimmung. „Der Buchspazierer“ ist eine gelungene Geschichte über die Macht der Bücher, Freundschaft, Identität und Lebensglück.

Seine Kund*innen benennt Carl nach Romanfiguren

Die besonderen Highlights des Romans sind einerseits die zahlreichen Lebensweisheiten, die Carsten Henn geschickt in die Handlung einbaut und andererseits die bewusst stereotypen Kundinnen und Kunden des Buchspazierers. Letztere werden stets durch eine bekannte Romanfigur charakterisiert, weshalb keine ausschweifenden Beschreibungen notwendig sind, aber der Leser trotzdem sofort eine Vorstellung von der Figur hat (zum Beispiel Herkules, Frau Langstrumpf oder Effi Briest). Umso grandioser finde ich, dass Schascha den gesamten Roman über nach ihrem Namen aus einem bekannten Buch fragt, das Mädchen aber so einzigartig ist, dass es keine Vorlage gibt. Es gibt Romane, die einem immer im Gedächtnis bleiben und die man gerne im Bücherregal stehen hat. „Der Buchspazierer“ gehört hier definitiv dazu.

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Carsten Henn

Geboren 1973 in Köln, arbeitet Carsten Henn als Schriftsteller, Weinjournalist und Restaurantkritiker.


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