Missbrauch-Opfer erzählen: „Nebelkinder“ | BUCHSZENE.DE

Von Hunger, sexuellem Missbrauch und Essen als Liebessersatz erzählen die Zuschriften, die Stefanie Gregg von den Leser*innen ihres Romans „Nebelkinder“ bekommt. Die Autorin gewährt berührende Einblicke.

Stefanie Gregg, Mitglied des Syndikats, über die berührenden Reaktionen auf ihren Roman „Nebelkinder“

9. Dezember 2020 | Stefanie Gregg

Titelbild Nebelkinder

© Angelika Bardehle

Mein Werkstattbericht besteht aus vier berührenden Briefen Betroffener

Ich bekomme eine Mail.

Ich atme tief durch, denn ich sehe, dass sie über die Kontaktmöglichkeit meiner Webseite kommt.

Seit der Neuerscheinung meines Romans „Nebelkinder“ kommen sie mehr und mehr, mindestens wöchentlich, manchmal täglich. Wildfremde Menschen schreiben mir, weil sie mein Buch gelesen haben und mir etwas dazu sagen möchten.

Ich sollte mich unfassbar freuen. Dies tue ich, weil man als Autor natürlich möchte, dass seine Bücher gelesen werden.

Aber die Mails sind keine leichten Grüße, kein kurzes Danke für ein paar unterhaltsame Stunden, sondern sie sind, manchmal sehr lange, Erzählungen dieser Menschen, die mir schreiben. Von Erfahrungen von früher, vom Leid in der Jetzt-Zeit. Von Nicht-Verstehen, und manchmal vom Verstehen.

Ich wusste, dass das Thema meines Romans – die „Nebelkinder“ sind ein anderer Begriff für die Generation der Kriegskinder – ein wichtiges Thema ist. Aber ich wusste nicht, wie viele Menschen es berührt, und wie tief.

Deswegen atme ich durch, denn ich weiß, dass ich Kraft brauche, für jeden dieser Briefe. Und für jede Antwort.

Mein „Werkstattbericht“ aus meinem derzeitigen Leben sind einfach nur ein paar jener Briefe. Anonymisiert. Falls nötig, verfremdet.

Denn was ich fühle, wenn sie mich erreichen. Wieviel Persönliches ich in meine langen Antworten gebe, das werdet ihr wissen, wenn ihr sie lest.

Ich habe vier Briefe ausgewählt.

Ich widme diesen Bericht und jene Briefe all den Nebelkindern da draußen: wir sind nicht allein.

Erster Brief: „Mit sechs Jahren begann er mich sexuell zu missbrauchen“

Ich, *Annegret Bauer* wohne in *Egmating* und bin inzwischen 76 Jahre alt, also Jahrgang 1944. Leider kann ich von meiner Familie (beide Großeltern, Eltern) niemanden mehr fragen, die sind alle schon auf dem Friedhof. Gesprochen wurde bei uns auch nie über den Krieg, außer dass wir in München ausgebombt wurden, als ich zwei Monate alt war. Meine Kindheit war nicht von materiellem Überfluss geprägt. Mein leiblicher Vater (Jahrgang 1920) war im Krieg und anschließend bis Ende 1949 in russischer Gefangenschaft. Als er heimkam, 100% kriegsbeschädigt, ließ er seinen Frust an mir aus. Ich bekam laufend Prügel und mit knapp sechs Jahren begann er mich sexuell zu missbrauchen. Mit 27 Jahren hatte ich während eines Urlaubs mit meinen Eltern endlich die Chance von zu Hause auszuziehen. Meine Mutter hat mir nie geholfen, die Abwesenheit von Kritik war bei uns zu Hause das einzige Lob. Meine Großmutter durfte sich nicht einmischen und hat das auch nie getan. Als ich meiner Mutter, fünf Jahre nach dem Tod meines Vaters (1986 mit 66) von dem Missbrauch durch meinen Vater erzählte, erklärte sie mir, das hätte ich doch selbst so gewollt.

Zweiter Brief: „Als ob man ein Stück Vieh wäre“

Ich habe dieses Buch in knapp 3 Tagen inhaliert. Es hat mich teilweise sehr aufgewühlt, berührt, die Figuren „liefen“ mit mir noch einige Tage herum. Was mich in der Tat so fesselte, war (und ist) dieses Unausgesprochene, Nichtgesagte, Nichterzählte. Es ist dieses epigenetische Motiv, welches sich, egal ob hier in Deutschland oder in anderen Ländern (ich selbst komme ursp. aus Polen, einem Pendant zum Ruhrgebiet) bei Ihrer und meiner Generation (bin Jahrgang 72) durchzieht. Es ist, als ob die Generation der Ur- und Großeltern wie verschlossene, geheime Zimmer mit Türen ohne Klinke wären. Aber wie sollte man sonst das Unaussprechliche überhaupt artikulieren, außer stumm zu bleiben angesichts des Greuls eines Krieges (I und II WK). Und was die Frauen erlebt haben und bis heute erleben: Vergewaltigung als Kriegstaktik. Als ob man ein Stück Vieh wäre oder eine Sache, die man sich einfach nimmt. Diese Szene aus dem Brief war für mich eine der erschütterndsten, wie auch die Szenen mit dem Mann aus dem Zug. Die Bilder im Kopf dazu waren sehr schlimm für mich: aber so war es tausendfach damals. Und passiert heute ebenfalls. Ich war sekundenschnell an allen Orten, sah die Wohnungen, Häuser, Straßen, Kleider.

Dritter Brief: „Essen geben ist für eine Generation des Hungers Liebe geben“

Ich hab mir eben das NDR Interview (Anmerkung: NDR Kulturjournal; Julia Westlake im Gespräch mit Stefanie Gregg zu den „Nebelkindern“) angehört. Das hat mich sehr berührt, denn auch meine Eltern haben harte Kriegserlebnisse gehabt. Mein Vater als 19-Jähriger in Russland. Er war ein wunderbarer Mann, er ist vor 5 Jahren mit 92 verstorben. Und meine Mutter, heute auch 92, beginnt erst jetzt über Dinge zu erzählen, die sie nie erwähnt hat.

Zwei Sätze aus dem Interview haben mich besonders berührt, weil sie nämlich 1:1 auch auf mich zutreffen: „Du hast nie gesagt, dass Du mich liebst.“ Mein Leben lang hab ich mich, bis heute, gefragt, warum das dieser Generation nicht möglich war. Ich weiß, dass sie mich sehr geliebt haben/lieben, aber gesagt haben sie es noch nie. Und dann kam der Satz, den ich als eine Art Trost dafür sehen kann: „Essen geben ist für eine Generation, die gehungert hat, Liebe geben.“ Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Mein Vater und meine Mutter haben ihr halbes Leben damit verbracht, jeden Sommer mit Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen in den Urlaub zu fahren und für sie zu sorgen. Ich weiß, dass mein Vater als Kind sowie später als Kriegsgefangener und meine Mutter auf der Flucht und auch noch nach dem Krieg sehr gehungert haben. Das Wichtigste war meinen Eltern in unseren Kinderurlauben stets, dass das Essen für die Kinder gut war. Dafür wäre mein Vater durch jedes Feuer gegangen.

Ich bin immer noch ein bisschen geflasht, weil ich glaube, eine Antwort gefunden zu haben. Danke!

Vierter Brief: „Leider kann ich meine Mutter nicht mehr befragen“

Sehr geehrte Frau Gregg, ich habe gerade ihr Buch Nebelkinder verschlungen und konnte mich darin (Lillith) sehr gut wiederfinden und bin doch gleichzeitig richtig betroffen und erschreckt darüber. Ich bin Jahrgang 1959, meine Mutter Jahrgang 1927, meine Oma Jahrgang 1901 und 1908. (Opas habe ich kriegsbedingt nie kennengelernt. Bei mir zu Hause war nur Wohlstand, Sicherheit und finanzielle Unabhängigkeit wichtig und mir wurde eingetrichtert, wie gut ich es habe. Deshalb habe ich selbst keine Kinder, kämpfe schon seit frühester Jugend mit einer tiefen Traurigkeit und gehöre tatsächlich zu der Generation der Depressiven. Es wurde nie über die Kriegserlebnisse gesprochen, ich weiß zwar von Ausgebombtsein, Hunger, und Opa gefallen, man weiß nicht, ob und wo er beerdigt ist etc. Leider kann ich meine Mutter nicht mehr befragen.

Der Inhalt von Stefanie Greggs Roman in Kurzfassung:

München, 1945. Zusammen mit ihrer Mutter Käthe ist Ana aus Breslau geflohen. Käthe ist traumatisiert, und so ist es an Ana, für ihre Familie zu sorgen. Als sie ihre eigene Familie gründet, scheint der Krieg verwunden, doch ihre Tochter Lilith bleibt ihr seltsam fremd. Viele Jahre später steht Lilith vor einer großen Entscheidung: Ausgerechnet sie, die doch immer unter ihrer distanzierten Mutter gelitten hat, soll den Sohn ihrer besten Freundin bei sich aufnehmen. Da fährt Ana mit ihr nach Breslau und erzählt ihr endlich, was damals wirklich geschehen ist. Eine berührende Familiengeschichte, die über drei Generationen bis in das 21. Jahrhundert reicht.

Über Stefanie Gregg

Werkstattberichte aus dem Syndikat: Wie arbeiten Kriminalschriftsteller? Was inspiriert sie zu ihren Romanen? Welche Marotten quälen sie beim Schreiben?

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